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Schwimmen als Lebensschule
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Schwimmen als Lebensschule

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von

Rüdiger Kohl,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim
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Meine Frau, mein fünfjähriger Sohn Linus und ich sind im Hallenbad. Heute hat Linus seine Seepferdchen-Prüfung. Erst muss er mindestens 25 Meter schwimmen. Dann holt er einen Ring aus brusthohem Wasser heraus, springt vom Beckenrand ins Wasser und sagt auch noch die Baderegeln auf. Geschafft: Linus hat das Seepferdchen bestanden.

Schwimmen lernen ist wichtig fürs Leben - das steht schon im Talmud

Schwimmen lernen ist wichtig fürs Leben. Das steht schon im Talmud, eine Zusammenfassung jüdischer Gesetze und Geschichten, rund 1500 Jahre alt. Da gibt es eine Passage, die die Aufgaben eines Vaters seinem Sohn gegenüber festlegt. Ein Vater - oder heute auch eine Mutter - ist demnach unter anderem verpflichtet, ihn "zu beschneiden, (…) ihn die Heilige Schrift zu lehren, zu verheiraten und ein Handwerk zu lehren; und ihn schwimmen zu lehren."

Ist das Seepferdchen genauso wichtig wie die Hochzeit?

Das hat mich überrascht. Auch wenn ich weiß, für Linus war es ein wichtiger Moment. In der Nacht davor konnte er vor Aufregung kaum schlafen. Aber steht das Seepferdchen auf derselben Ebene wie die Hochzeit oder wichtige religiöse Tage im Leben eines Menschen? Ist Schwimmen lernen so wichtig wie Dinge, die den Glauben berühren und deshalb in einer religiösen Schrift stehen?

Bei allen wichtigen Dingen im Leben geht es um Beziehung

Was ich verstehe: Bei allen wichtigen Dingen im Leben geht es um Beziehung. Es braucht einen Menschen, der es mir beibringt. Beim Schwimmen heißt das: Jemand macht es mir vor und unterstützt mich. Und lässt mich erst los, wenn ich alleine schwimmen kann. Für Linus war das die Schwimmlehrerin Eva. Nach kurzer Zeit wusste Linus: Eva wird mich nicht loslassen, bevor ich mich über Wasser halten kann.

Mit dem Glauben ist es ähnlich: Ich möchte es meinem Sohn vormachen und ihn immer mehr loslassen, wenn sein Glaube laufen gelernt hat.

Jetzt kann er schon ganz gut schwimmen. Aber das Seepferdchen ist erst der Anfang. Linus weiß schon: Es werden weitere Prüfungen kommen. Bald darf er sich auf die Bronze-Prüfung vorbereiten. Früher hieß das Freischwimmer.

Manchmal wird der Glaube auf die Probe gestellt

Auch beim Glauben lerne ich ein Leben lang. Manchmal wird der Glaube auf die Probe gestellt. Bei den weiteren Prüfungen im Leben hilft meinem Sohn hoffentlich der Glaube, um den Kopf oben zu halten.

Im Talmud geht es nicht nur ums schwimmen lernen, sondern darum andere zu retten

Und noch etwas spricht dafür, dem Schwimmen lernen einen hohen Rang einzuräumen. Bei einer Rabbinerin, einer jüdischen Gelehrten, habe ich gelesen: Im Talmud geht es nicht nur darum, schwimmen zu lernen. Sondern vor allem darum, andere im Wasser vor dem Ertrinken zu retten.

Ich weiß nicht, ob Linus einmal sogar Rettungsschwimmer wird. Das wäre toll. Aber vor allem ich wünsche ihm, dass er im Leben nach anderen schaut, wie es ihnen geht. Sich gerne um andere kümmert und nicht für sich behält, was er kann.

Fürs Leben lernen

Heute ist erst mal der Seepferdchen-Tag. Stolz und erleichtert lächelt Linus für das Foto. Mit der Urkunde in der einen und dem Seepferdchen-Abzeichen in der anderen Hand. Das lässt er sich später auf die Badehose nähen.

Und ich verstehe besser, wie es das Schwimmen lernen in den Talmud geschafft hat: Es heißt, fürs Leben lernen.

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