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Puschensack
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Puschensack

Kurt Grützner
Ein Beitrag von Kurt Grützner, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel

Jetzt haben wir auch so einen Puschensack. Bei uns ist es einfach ein Korb, in dem wir die Hausschuhe für unsere Gäste aufbewahren. Die Straßenschuhe bleiben vor der Tür. Auch unsere eigenen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass es sowas schon in meiner Kindheit gegeben hätte. Meine Eltern hatten häufig Gäste. Ich wüsste nicht, dass die sich die Schuhe ausgezogen hätten und Puschen von uns bekommen hätten.

Vielmehr erinnere ich mich daran, dass Schuhe vor der Tür in den frühen 1960er Jahren ein klares Indiz dafür waren, dass hier Muslime wohnen. Das war befremdlich damals. Und Fremdes befeuert Ängste und Phantasien. Wenn es gut ging, wurde sich „nur“ lustig gemacht über diese Sitte.

Das würde heute nicht mehr passieren. Stehen doch vor fast allen Wohnungstüren Straßenschuhe, egal ob da Muslime wohnen, Christen oder Atheisten.

Was ist da passiert? Von alters her war es bei den Muslimen Sitte, die Schuhe vor der Wohnungstür auszuziehen. Ich stelle mir das so vor und kenne es aus der Bibel auch: Die Straßen waren sehr staubig. Sie waren nicht asphaltiert. Man trug den Staub der Straße mit in die Wohnung. Das war einfach nicht schön. Und wie so oft, übernimmt es die Religion, solche Reinheitsgebote zu formulieren und weiter zu tradieren. Die Bibel ist voll davon. In den 1960ern in Deutschland aber wurde es als ein merkwürdiges Merkmal einer merkwürdig fremden Religion empfunden.

Heute sind Straßenschuhe vor Wohnungstüren nichts Merkwürdiges mehr. Und ich glaube nicht, dass wir muslimische Reinheitsgebote übernommen haben. Ich glaube vielmehr, dass sich unser eigenes Reinheitsempfinden geändert hat. Auch wenn unsere Straßen asphaltiert sind, dreckig sind sie dennoch. Und den Dreck der Straße wollen wir nicht in unserem Wohnzimmer. Wir sind in den letzten fünfzig Jahren einfach auf dieselbe Idee gekommen, die der Islam von alters her als Reinheitsgebot formuliert hat.

Das lehrt mich vorsichtig zu sein, fremde religiöse Sitten als Grund zum Belächeln oder gar zur Ausgrenzung zu missbrauchen. Manchmal sind sie einfach nur sinnvoll.

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