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„Perfekt“ muss nicht sein

„Perfekt“ muss nicht sein

Christoph Schäfer
Ein Beitrag von

Christoph Schäfer,

Katholischer Religionslehrer, Rüsselsheim
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„Schneller, höher, stärker“. So heißt es oft bei sportlichen Wettbewerben. Aber oft gilt ja auch im Alltag: schneller, besser, toller sein. Ich spüre manchmal, dass ich von einem allgemein grassierenden  Selbstoptimierungswahn erfasst werde.  Also dem Drang, immer besser sein zu müssen. Und zwar nicht nur in den Bereichen „schneller, höher und stärker“. Sondern überall: Ich sollte im Beruf perfekter funktionieren, den Alltag besser im Griff haben. Den Schreibtisch, die Wohnung, ach: am besten das ganze Leben ständig aufgeräumt haben. Aber auch in Bereichen, die eigentlich für das Wohlbefinden da sind: „Freundschaft“, „Urlaub“ und „Hobbys“. Auch da sollte es diesem Wahn zufolge alles perfekt sein.
Wenn mich dieser Selbstoptimierungs-Wahn mal wieder im Griff hat, hilft mir seit kurzem ein absurder Gedanke. Er ist verblüffend heilsam. Ich stelle mir vor: Auf einmal erfasst der Optimierungs-Trend auch den Himmel meiner Kindheitsfantasien. Und die Engel: Sie schweben dann nicht mehr froh und singend durch den Sternenhimmel, sondern sie putzen verbissen ihre Heiligenscheine, um noch heller zu glänzen.
Und ich stelle mir vor: Der liebe Gott meiner Kindheitsvorstellungen, also ein freundlicher alter Mann mit weißem Bart, läuft kopfschüttelnd durch die himmlischen Reihen und schaut sich das ganze Treiben an. Er selbst ist ja schon vollkommen und ihm fehlt daher jede Antenne für Selbstoptimierungs-Parolen. Im ersten Moment ist er vielleicht sogar etwas irritiert, weil er glaubt, einen wichtigen Trend verpasst zu haben. Aber dann schaut er in die ganzen verkrampften Gesichter, klatscht in die Hände, macht so dem ganzen Spuk ein Ende und schaut wieder in lauter glückliche Engelsgesichter – mit zugegeben nicht mehr ganz so hell glänzenden Heiligenscheinen.
Nach diesem Tagtraum muss ich einfach schmunzeln. Denn ich kann mir dann wirklich nicht vorstellen, dass Gott von mir Perfektionsstreben in allen Lebensbereichen erwartet. Ich bin mir ziemlich sicher: Er will, dass ich bei allem definitiv vorhandenen Verbesserungsbedarf mein eigenes Glücklich-Sein nicht aus den Augen verliere. Er will, dass ich glücklich bin. Perfektsein muss ich dafür nicht.

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