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Meinen Vorurteilen ein Schnippchen schlagen
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Meinen Vorurteilen ein Schnippchen schlagen

Andrea Seeger
Ein Beitrag von

Andrea Seeger,

Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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In der S-Bahn sitzt ein über und über tätowierter junger Mann: muskulöse Oberarme, tiefe Risse in der Jeans, T-Shirt mit Totenkopf und Kopfhörer. Schublade auf, Vorurteil rein. Das lautet: viel Kraft, wenig Geist. Dann steht ein dürres älteres Männchen vor ihm, streckt die Hand aus und bittet um eine milde Gabe. Der tätowierte junge Mann sagt: „Entschuldigen Sie, Geld möchte ich Ihnen nicht geben. Aber ich habe gerade einen Burger gekauft mit Pommes Frites zum Mitnehmen. Das Essen ist noch warm. Eine Cola ist auch dabei. Das gebe ich Ihnen gerne." Spricht's, greift in seinen Rucksack, befördert das Essenspaket zutage und überreicht es dem sichtlich verdutzten, aber erfreuten Bittsteller.

Der junge Mann schaut mich an, zwinkert mir zu und lehnt sich entspannt zurück. Ich bin leider gar nicht entspannt, sondern äußerst ärgerlich - über mich selbst. Wie komme ich dazu, den jungen Mann in eine Schublade zu stecken? Beurteilt nach reinen Äußerlichkeiten.

Ich versuche runterzukommen: Vorurteile sind menschlich. Nicht nur ich, sondern alle Leute scannen ihr Gegenüber. In Bruchteilen von Sekunden – eingeordnet in Schubladen, reingesteckt und zugeschoben.

Vorurteile haben nicht nur eine ausgrenzende oder abwertende Funktion, sondern sie schützen auch. Je schneller ein Mensch sein Umfeld einordnen kann, desto schneller kann er auf Gefahren reagieren. Sehen wir eine dunkle Gestalt auf nächtlicher Straße, ruft unser Gedächtnis ab, was es gelernt hat. Blitzschnell rechnen die Nervenzellen Wahrscheinlichkeiten durch, aktivieren zuständige Areale. Die lösen Signale für Angst aus, Schritte beschleunigen sich.

Vorurteile haben allerdings mit der Realität nichts zu tun. Sie sind ein Wahrnehmungsfehler. Der Mensch ist nämlich nicht in der Lage, die Umwelt wirklichkeitsgetreu zu erfassen. Er muss Informationen in Schubfächer laden, um die riesige Flut an Informationen zu verkleinern, in Häppchen zu verpacken.

Was lässt sich tun gegen Vorurteile? Erster Schritt: sich eingestehen: Ich habe welche. Zweiter Schritt: sich hinsetzen und Menschen beobachten, dabei notieren, was man denkt. Dritter Schritt: miteinander ins Gespräch kommen.

Dem jungen Mann hätte ich im Nachhinein gerne gesagt: Danke! Weil er sein Essen weitergegeben hat und weil er mein Vorurteil entkräftet hat.

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