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Kommt und seht
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Kommt und seht

Andrea Weitzel
Ein Beitrag von

Andrea Weitzel,

Katholische Schulseelsorgerin und Religionslehrerin, Hanau
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„Für wen halten mich die Menschen?“ Diese Frage Jesu an seine Jünger, seine Wegbegleiter und Begleiterinnen, wird morgen in den katholischen Gottesdiensten zu hören sein.Mich erinnert dieser Text an eine Stelle am Beginn des biblischen Johannesevangeliums. Darin stellt Jesus die Frage danach, wofür er gehalten werde, noch gar nicht. Gerade erst ist er im Begriff, Menschen um sich zu versammeln. Umso erstaunlicher ist: Diese Menschen haben schon  – ungefragt – viele Antworten. Sie nennen Jesus Lamm Gottes, Rabbi, Messias. Ihre Antworten lassen Jesus in ganz unterschiedlichem Licht erscheinen. „Lamm Gottes“ – Jesus als der, der sich für die Menschen hingibt. „Rabbi“ – Jesus als der jüdische Meister und Lehrer. „Messias“ – der Gesalbte, der lang erwartete Retter. All dies offenbart viel von den persönlichen Vorstellungen und Sehnsüchten derer, die Jesus diese Titel geben.
Diese Textstelle aus dem Johannesevangelium habe ich vor kurzem mit meinen Schülerinnen gelesen. Wir suchten Antworten auf unsere eigenen Fragen: Wer ist dieser Jesus für mich? Wen sehe ich in ihm? Antworten, die hoffentlich nicht nur im schulischen Religionsunterricht gestellt werden. Fragen, deren Antworten sich mit Alter und Erfahrung ändern. Auf meine Frage hin, wie Jesus selbst sich hier denn sähe, herrscht erstmal Schweigen. Lange. Dann ein zaghafter Antwortversuch: „Er antwortet überhaupt nix!“  „Aha! Und weiter?“, hake ich nach. Darauf antwortet eine Schülerin: „Jesus sagt: „Kommt und seht!“"
Nun schiebe ich einige Erklärungen nach: In den damaligen Zeiten war es durchaus üblich, Haus und Leben eines jüdischen Rabbi zu teilen. Suchende lernten auf diese Art und Weise das jüdische Leben und Glauben kennen. Also lud auch Jesus dazu ein, sein Leben mit ihm zu teilen und erst einmal selbst eine Antwort zu finden, wer er denn nun sei.
„Da hatten es die Leute damals aber viel einfacher, wie soll das denn heute gehen?“ wagt sich eine Schülerin an den Kern der Diskussion. „Juchhu“, jubele ich innerlich. Natürlich gebe ich ihre Frage an die Runde zurück.
Schließlich fassen wir zusammen: Wenn ich mir eine Meinung über Jesus bilden möchte, muss ich mich zuerst einmal auf ihn einlassen. Sein „Komm und sieh!“ gilt auch für mich. Ich kann dazu die Bibel oder andere einschlägige Literatur lesen. Außerdem kann ich mit anderen Menschen diskutieren. Mit Menschen, die wie ich auf der Suche sind. Mit Menschen, die schon glauben. Ja, da wird es schon etwas schwieriger in unserer Zeit und Welt.
Und ich kann versuchen, Jesus in jedem Menschen zu finden. So wie Mutter Teresa, jener Ordensfrau, die sich bis zu ihrem eigenen Tod um Kranke und Leidende in Indien gekümmert hat. Sie sagte: „Wenn ich den Armen in die Augen schaue, dann sehe ich Jesus.“
Etlichen meiner Schülerinnen wird das alles irgendwie zu anstrengend sein, oder zu langweilig oder zu fromm… oder einfach jetzt gerade nicht wirklich dran… Damit muss ich wohl erstmal leben.
„Aber eigentlich wäre es ja schon mal ein Anfang, wenn wir uns gegenseitig auch nicht fertigmachen würden und erstmal dahinter schauen, wie jemand wirklich ist! So, bevor wir ein Urteil fällen.“ Wow. Danke, liebe Schülerin. Ja, das ist ein Anfang: Keine vorschnellen Urteile. Kein: Schublade auf – Mensch rein – Schublade zu. Sondern ein behutsames Kennenlernen, ein Wahrnehmen und Wertschätzen anderer Meinungen. Damit kann ich kurz vor dem Gong sehr gut leben. Und kriege auch spontan noch eine Idee für eine kleine Aufgabe übers Wochenende…

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