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In guten und in bösen Tagen
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In guten und in bösen Tagen

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Voller Kraft, so geht sie durchs Lokal. Dahinter ihr Mann, groß und schwach. Es sieht aus, als ziehe sie ihn. Ihr Platz ist am Tisch mit den Blumen. Sie rückt ihm den Stuhl zurecht. Er lässt sich fallen. Dann liest sie aus der Speisekarte vor. Das magst Du doch gerne, sagt sie. Er lacht und nickt. Ja, sagt er. Nun schweigen sie. Aber nicht lange. Sie gibt die Bestellung auf, auch für ihn. Nudeln mit Pilzen, ein Herbstgericht. Die Frau weiß sich verantwortlich für ihren Mann. Das sagt auch ihre Stimme. Nicht laut, aber entschlossen. Der Mann lässt geschehen. Noch vor dem Essen blinzelt er seltsam. Die Frau weiß Bescheid. Sofort rückt sie ihren Stuhl weg, hörbar. Und greift in die Handtasche. Der Mann weiß, was kommt. Mitten im Lokal. Er beugt seinen Kopf nach hinten. Die Frau geht zu ihm und greift mit einer Hand an seine Augen. In der anderen Hand hält sie eine Tube. Mit der träufelt sie Tropfen in seine Augen. Jetzt blinzelt er, damit sich die Tropfen verteilen. Das musste sein. Wegen der trockenen Luft. Verantwortung muss sein. Man wird nicht gefragt. Liebe ist auch Verantwortung, ob man will oder nicht. Die starke Frau will es. In guten und in bösen Tagen. In langer Ehe kommen Zeiten, in der eine nicht mehr kann wie früher. Oder einer. Die Freuden werden kleiner. Die Verantwortung größer. Und damit auch Lasten. Man wünscht es sich anders. Ist es aber nicht. Wird es auch nicht mehr. Liebe ist dann kein Fest, sondern mühsam. Verantwortung eben. Jetzt ist sie die Stärkere, muss voran gehen. Die Frau hofft, dass Gott sie nicht vergisst. Gerade an den bösen Tagen. Und ihre Kraft von ihm kommt.

 

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