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Geigenbau als Gleichnis für das Leben

Geigenbau als Gleichnis für das Leben

Anke Jarzina
Ein Beitrag von

Anke Jarzina,

Katholische Pastoralreferentin in der Pfarrei St. Peter und Paul Rheingau, Eltville

Martin Schleske ist ein großartiger Geigenbauer. Weltberühmte Virtuosen spielen auf seinen Instrumenten. Über seine Arbeit hat er in diesem Jahr sein zweites Buch herausgebracht: „Herztöne – lauschen auf den Klang des Lebens“. Da erzählt er zum Beispiel, wie er eines Tages in seiner Werkstatt saß. Mit einem Abstecheisen stach er die Bodenwölbung für ein neues Cello heraus. Das war anstrengender als sonst: Die Schneide war schon etwas stumpf. Eigentlich hätte er sie schleifen müssen. Doch das kostet Zeit und viel Geduld. „Es reicht schon noch“, dachte sich der Geigenbauer.

Aber zugleich hatte er ein schlechtes Gewissen. Denn dieses „es reicht schon noch“ war ja in Wahrheit nur eine Ausrede. Martin Schleske sucht nicht nur nach dem perfekten Klang, sondern auch nach dem Geheimnis Gottes. Leben und Glauben gehören für ihn eng zusammen. Bei einer guten Geige kommt es auf jede Faser an. Wer nach dem „Es-reicht-schon-noch“-Motto arbeitet, gefährdet das Ganze. So ist das auch im Leben. Das wurde ihm in diesem Moment klar.

Wie oft sagen wir Menschen diesen Satz. „Es reicht schon noch.“ Wir spüren unsere innere Abgestumpftheit. Aber anstatt unser Herz schärfen zu lassen, begnügen wir uns mit diesem fatalen Satz. Es wäre doch besser, wenn wir unser Herz immer wieder von Gott schärfen lassen, der uns mit seiner Liebe sucht. So sah das vor Jahrtausenden schon ein anderer Mensch. Im Buch Kohelet im Alten Testament steht: „Wenn ein Eisen stumpf wird und ungeschliffen bleibt, muss man mit ganzer Kraft arbeiten. Aber die Weisheit bringt die Dinge in Ordnung.“ Weisheit ist in der Bibel ein anderer Name für Gott.

Wenn Martin Schleske in seiner Werkstatt arbeitet, werden ihm die Zusammenhänge zwischen Leben und Glauben immer wieder neu bewusst. Die innere Haltung, mit der er seine Geigen baut, nennt er: „Suchende Liebe und liebende Suche“. Jeder einzelne Schritt des Geigenbaus wird ihm zum Gleichnis für das Leben. So auch das Gleichnis vom stumpfen Eisen, das geschärft werden muss. Wenn man mit einem stumpfen Werkzeug arbeitet, verliert man das Gefühl für das Holz und wird schnell müde. Und wer mit einem abgestumpften Herzen lebt, das durch Enttäuschungen, Verfehlungen und Resignation stumpf geworden ist, der arbeitet, ohne es zu merken, gegen die Fasern des Lebens an, geht lieblos mit sich selbst und anderen um. Obwohl ein erfüllteres Leben möglich wäre.

Dann brauchen wir Geduld und Barmherzigkeit mit uns selbst. Nur so kann ein lebendiger Glaube entstehen, der mit Gott in der Welt rechnet, sagt Martin Schleske. Das Neue Testament nennt das im griechischen Urtext Metanoia, Umkehr, Umdenken, Neuausrichtung. Dazu reichen manchmal wenige Minuten der Auszeit. Mir gefällt die Art, wie Martin Schleske in seiner Arbeit Gleichnisse für Gottes Liebe findet. Und wie er nebenbei alte Worte der Bibel mit Leben füllt und von moralischer Strenge befreit. So wie das Wort Umkehr. Martin Schleske ist überzeugt: „Metanoia ist die stärkste Verheißung, die der Mensch hören kann, denn sie sagt: Deine gebrochene, geknickte, erloschene, abgestumpfte Liebe kann geheilt und aufgerichtet werden.

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