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Feiern über den Schmerz hinaus
Bild: Pixabay

Feiern über den Schmerz hinaus

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Heute wird ihr Tag. Schließlich ist Rosenmontag. Und sie heißt auch noch Rosa. Zufällig. Eigentlich heißt sie Rosalinde, aber wer spricht schon gerne vier Silben. Immer ist ihr Tag, wenn Rosenmontag ist.

Rosa liebt Rosenmontag

Rosa liebt diesen Tag. Nur muss sie erstmal aus dem Bett kommen. Das ist nicht einfach. Sie wartet auf den Pflegedienst, der ihr hilft. Rosa ist krank seit der Kinderzeit. Einzelheiten sind nicht wichtig. Wichtiger ist, dass Rosa damit leben muss. Und leben kann, mittlerweile. Ja, mehr noch: sie überlebt jeden Tag. So kommt es ihr manchmal vor. Dabei hilft ihr der Rosenmontag, unter anderem.

Rosa feiert gern, auch wenn es für sie nicht viel zu feiern gibt       

Rosa feiert für ihr Leben gern. Viel zu feiern gibt es nicht bei der Mühsal ihres Lebens. Wenn es aber einen Anlass gibt, ist Rosa dabei. Vorne dabei, könnte man sagen. Am Rosenmontag saß sie sonst vorne auf dem Wagen ihres Vereins. Der fuhr mit beim kleinen Umzug durchs Dorf. Das ließ sich das Dorf nicht nehmen: jedes Jahr ein Umzug. Nur dieses Jahr nicht. Immer dachte Rosa mit, plante mit und gestaltete den Wagen, soweit es ihre Kräfte erlaubten. Sie sitzt im Rollstuhl, den man aber kaum sah, wenn ihr Vereinswagen durchs Dorf fuhr; wenn sie grüßte und Süßigkeiten warf. Heute leider nicht. Und gleich kommt auch ihr Pflegedienst.

Dann ging‘s los, früher. Immer um elf Uhr elf. Manche nahmen extra Urlaub. Gemeinschaft ist wichtig. Auch für Rosa. Aber etwas ist ihr noch Wichtiger: sie feiert über den Schmerz hinaus. Ihr Leben war nicht rosig.

Rosige Zeiten für Rosa

Aber es gibt rosige Zeiten, die Rosa liebt. Sie feiert mit und feiert sich. Dass sie am Leben ist, feiern kann und Gott an ihrer Seite ist. Das fühlt sie. Es hält sie wach und munter. Meistens jedenfalls. Natürlich kennt sie aschgraue Tage, wenn sie am liebsten im Bett bliebe. Aber dann kommen ihr Bruder oder ihre Kinder oder der Pflegedienst und muntern sie auf. Dann geht’s meistens wieder. Und rosig wird es heute trotz allem. Das Kostüm liegt schon bereit. Kostüme kennen keinen Schmerz. Rosa zieht es trotzdem an. Nachher kommt ihr Sohn mit Kuchen. Das macht Rosa glücklich. Dann grüßt sie den dort oben. Der an ihrer Seite ist. Damit ihr der Tag zum Besten dient.

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