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Erfüllte Zeit
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Erfüllte Zeit

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von

Carmen Jelinek,

Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen
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Wir haben eine Riesenmenge Zeit! Pro Jahr stehen jedem von uns 31 Millionen 536 Tausend Sekunden zur Verfügung. Das ist ein großer Schatz an Zeit!
Trotzdem scheint die Zeit knapp zu sein.
Der moderne Mensch isst und trinkt im Gehen, checkt Mails, wenn er im Bus sitzt, arbeitet im Zug am Laptop, telefoniert auf dem Fahrrad. 
Die Lebenserwartung hat sich in den vergangenen 130 Jahren verdoppelt. Die Arbeitszeit hat sich verringert. Die Züge fahren schneller als früher. Wir können mal schnell in ein Flugzeug steigen, um einen Arbeitstag oder Ferien im anderen Land zu verbringen. Sogar die Schrittgeschwindigkeit von Passanten in Industrieländern hat innerhalb eines Jahrzehnts um zehn Prozent zugenommen.
Mein Eindruck ist: Wir sind in eine Effektivitätsfalle geraten - ganz besonders im Umgang mit der Zeit.
Ich will gleich mit dem Zug fahren und bekomme kurz vorher Meldungen aufs Handy, wann der Zug nicht nur nach Fahrplan, sondern wann er wirklich fährt. Nun kann ich denken: Wie praktisch. Ich spare Zeit und muss nicht unnötig am windigen Gleis warten. Aber mal ehrlich: Ich spare gar nichts. Anstatt zum Zug zu hetzen, weiß ich, er hat zehn Minuten Verspätung, ich kann mir noch schnell ein neues Buch kaufen. Ich stopfe also schon wieder etwas in die Zeit und habe das Gefühl, ich hätte zu wenig Zeit.
Mir sind Worte aus dem 31. Psalm sehr wichtig geworden, die ich manchmal selbst als Hilferuf verstehe, wenn ich das Gefühl habe, vor lauter Eile keinen Atem mehr zu bekommen:

„Herr, auf Dich hoffe ich und spreche: Du bist mein Gott!  Meine Zeit steht in deinen Händen.“
Dem Psalmbeter ist aufgegangen: Zeit ist das kostbarste Geschenk, das einem Menschen gemacht werden kann und das er schenken kann. So kostbar, weil sie unwiederbringlich ist, weil jede Minute, ja jede Sekunde einmalig sind – aber zugleich liegt in diesem kostbaren Wert kein Zwang, nun auch ja jede Minute und Sekunde bis zum Letzten zu füllen. Sie sind gefüllt. Sie sind gefüllt mit der Gegenwart Gottes.

Es kann durchaus guttun, sich hinzusetzen und sich der geschenkten Zeit auszuliefern. Wann haben Sie das zum letzten Mal gemacht? Im Bahnhof sitzen. Den Menschen zuschauen, wie sie unterwegs sind. Wahrnehmen, dass mir auf einmal so viel Zeit zur Verfügung steht. Staunen über das, was in dieser Zeit alles möglich ist. Entschleunigung empfinden. Spüren wie der Stress in mir abfällt. Manchmal tut es  gut, wenn die Zeit  nicht von mir beherrscht wird. Ich nehme wahr: Es ist meine Zeit, die mir von Gott geschenkt ist. Gute Zeit, zweckfreie Zeit, in der ich meinen Wahrnehmungen freien Lauf lassen kann.

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