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Ein kleiner Schein der anderen Welt
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Ein kleiner Schein der anderen Welt

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Sein Hobby ist Sätze sammeln. Für den Körper braucht Ben den Sport. Sein Geist aber braucht Sätze. Möglichst kurze. Seit Monaten hat er einen neuen, kurzen. Der heißt: Glück ist Angemessenheit. Ben mag das Wort „angemessen“. Das ist wie im Lot sein von Tun und Sein, Denken und Handeln. Man weiß nie genau, was richtig ist oder hilfreich, denkt Ben; man kann aber versuchen, angemessen zu handeln. Glück ist Angemessenheit.

Ben ist Altenpfleger. Da geht es stündlich um das, was angemessen ist. Was noch angemessen ist und was nicht. Er liebt seinen Beruf. Es ist schon sein zweiter. Vorher pflegte er Autos, jetzt Menschen. Alte Menschen, die Menschen brauchen. Nämlich ihn, Ben; und seine Kolleginnen. Viele werden älter als vor dreißig Jahren, weiß Ben. Einigen verrutschen dabei die Sinne. Sie sind bei Sinnen, und wie. Aber eben nicht mehr angemessen zur Welt und ihrem Leben. Manches verrutscht einem im Alter. Anderes hat man sich einfach nicht vorstellen wollen oder können. Verwandte oder Bekannte bleiben plötzlich weg. Oder kommen weniger. Früher war alles im Lot, wie man so sagt, alles angemessen. Aber kaum schert ein alter Mensch aus, sind andere auch weg. Das darf nicht sein, denkt Ben. Und arbeitet daran, Angemessenheit wieder herzustellen, jedenfalls ein bisschen.

Freundlich sein ist angemessen, zum Beispiel. In jedem Fall. Beim Betreten des Zimmers, beim Reichen von Essen, beim Ankleiden oder miteinander Beten. Es darf kein Hauruck geben. Der Ältere bestimmt die Geschwindigkeit.

Streicheln ist angemessen. Manche vertrocknen nicht wegen fehlender Flüssigkeit, sondern wegen fehlender Zartheit. Vor allem Männer. Da stellt Ben die Angemessenheit her, und zwar gerne. Das ist doch Glück, sagt er; Angemessenheit. Versuchter Einklang, Zufriedenheit wieder ins Lot bringen. Das ist meine Aufgabe, sagt Ben. Ich will angemessen sein, etwas vom Glück zurückbringen. Ich kann nicht viel ändern in der Welt, sagt Ben. Ich kann aber ein kleines Gegengewicht sein. Das heißt: freundlich sein, herzlich vielleicht. Ein kleiner Schein der anderen Welt. Die wartet doch auf uns, sagt Ben. Und bringt das Leben ins Lot. Das will ich zeigen. Gerne.

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