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Den Augenblick des Genusses Festhalten
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Den Augenblick des Genusses Festhalten

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von

Carmen Jelinek,

Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen
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Das Warten hat ein Ende! In der Gaststätte Zum Goldenen Schwan ist es soweit! Es wird aufgetafelt! Die Wünsche von der Speisekarte werden serviert.

Gerade will einer in der Gruppe anfangen zu Essen, da stoppt ihn seine Freundin: "Nein, noch nicht. Ich muss noch ein Foto machen. Ich will unser Essen fotografieren. Es sieht so gut aus."

Vielleicht fragen Sie: Warum muss man von einem normalen Essen ein Foto machen? Für wen? Für die Instagram-Story? Für ein paar Likes?

Ich denke zurück an die 1980er. Damals gab es noch kein Instagram, Facebook oder Snapchat. Damals gab es noch kein Smartphone mit zwei Kameras. Damals gab es einen Fotoapparat mit einem 36er Film drin. Es dauerte schon eine Weile bis der Film voll war. Anschließend gab man ihn in einem Laden ab. Dort wurde er entwickelt und frühestens nach einer Woche waren die Bilder fertig. Da kam kaum jemand auf die Idee, seinen Freunden zu zeigen, was man vor zwei oder drei Wochen gegessen hatte! Meine Großeltern konnten sich meistens  ganz genau daran erinnern, was sie wann und wo gegessen haben. Das Essen hätte schon außergewöhnlich gut aussehen müssen, damit sich ein Foto gelohnt hätte.

Warum aber tun es überhaupt so viele? Sie möchten wichtige Momente der Gemeinschaft festhalten! "Es ist definitiv eine Form der Selbstdarstellung", glaubt ein Psychologe... "Allerdings ist Essen auch ein super Indikator für Gruppenmitgliedschaft und soziale Milieus, denen wir angehören. Wir können daraus ableiten, welcher sozialen Schicht wir entsprechen." Politiker setzen zum Beispiel Food-Fotos ein, um sich volksnah zu zeigen, z.B. beim Münchner Oktoberfest. „Ich bin einer von euch. Ich esse auch Weißwurst und trinke eine Maß Bier.“

Tatsächlich zeigt ein Blick in die Kunstgeschichte, dass es nichts Neues ist, sein Essen zu dokumentieren und die Gäste für immer auf der Leinwand festzuhalten. Denken wir beispielsweise an Gemälde „Das letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci. Das war eine sehr wichtige Mahlzeit. Jesus saß zum letzten Mal mit seinen Jüngern zusammen. Neben vielen anderen Speisen gab es Brot und Wein. Die hatten eine besondere Bedeutung, weil sie mit ihm zu tun hatten. Auf diesem Gemälde sitzen zwar alle an einem Tisch, aber da ist viel in Bewegung. Interessant sind die Haltungen der Gäste zueinander und zum Gastgeber.

Es handelt sich hier auch um eine Momentaufnahme. Sie sagt: So war die Mahlzeit damals und so waren die Menschen, die hier miteinander aßen. Ich würde gern mal die Kommentare Jesu zu diesem Bild hören! Manchmal frage ich mich aber auch: Welchen Platz hätte ich an diesem Tisch eingenommen? Mal bin ich bestimmt mittendrin, mal am Rand. Auch meine Redebeiträge wären unterschiedlich. Ich betrachte immer wieder gern einen Abdruck vom Letzen Abendmahl, um mir klar zu machen wie unterschiedlich nah ich in meinem Denken und Handeln Jesus gerade bin.

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