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Das Scho-Scha-Spiel: Nur die Schokoladenseiten oder auch die Schattenseiten zeigen?
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Das Scho-Scha-Spiel: Nur die Schokoladenseiten oder auch die Schattenseiten zeigen?

Stefan Claaß
Ein Beitrag von

Stefan Claaß,

Evangelischer Pfarrer und Professor, Theologisches Seminar Herborn
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Das kleine Mädchen tanzt ganz selbstvergessen vor sich hin. Sie dreht sich im Kreis, hebt die Arme, springt in die Luft. Dann beginnt sie, Grimassen zu schneiden. Dabei schaut sie immer in die gleiche Richtung. In eine Kamera, die den Altarraum der Kirche überwachen soll. Ein rotes Blinklicht zeigt an, dass die Kamera in Betrieb ist.

Die Szene hat sich mir eingeprägt. Ich war in dieser Kirche. Und da habe ich das Mädchen tanzen gesehen. Die Kamera und ich waren ihre Zuschauer. Und das Mädchen fand es offensichtlich gut, dass jemand zuschaut.

Warum setzt sich jemand in Szene?

Wie immer, wenn das Auge etwas beobachtet, fängt das Gehirn an, die Szene zu deuten. Mein erster Gedanke ist: Na, die fängt ja früh an. Tanzen vor der Kamera, demnächst in einer Fernsehshow. Talent hat sie. Aber mein Gehirn hört nicht auf mit dem Spekulieren. Ein ganz anderer Gedanke kommt mir in den Sinn.

Vielleicht ist sie ein Mädchen, das verzweifelt nach Aufmerksamkeit sucht. Wo sind eigentlich ihre Eltern? Die stehen in einiger Entfernung und sind mit ihren Handys beschäftigt. Das Auge der Kamera als Ersatz für die Aufmerksamkeit der Eltern?

Zum Glück entpuppt sich dieser Gedanke als falsch. Die Eltern rufen ihre Tochter, sie unterhalten sich mit ihr und ziehen lachend davon. Die Kamera ist also kein Ersatz, sondern nur ein kurzfristiges Vergnügen. Das Mädchen mag gedacht haben: „Schön, wenn mich jemand sieht, wie ich hier tanze. Schön, wenn jemand vielleicht mit lacht über meine Grimassen.“ Gesehen werden ist schön. Wenn mir jemand zuschaut beim Tanzen, macht es noch mehr Spaß. Wie gut, dachte ich in dieser Kirche, wenn man mit solchen Gefühlen aufwächst.

Das Auge Gottes

Mein Blick geht nach oben. Da ist noch ein Auge. An der Decke der Kirche ist, wie so oft, ein gemaltes Auge zu sehen. Das Auge Gottes. Es stellt eine eigentlich schöne Erfahrung aus biblischen Zeiten dar: Gott sieht uns, wir können Leben mit ihm teilen. Eigentlich schön. Aber über viele Generationen wurde das Auge anders erklärt. „Gott sieht alles!“, hat man Kindern gesagt. Nicht um sich mitzufreuen, wenn jemand tanzt. Sondern um zu beobachten, wer Fehler macht und nicht die Wahrheit sagt. So eine Art himmlische Überwachungskamera. Was für eine schreckliche Manipulation, um Menschen in Schach zu halten. Die guten, alten Zeiten waren eben in vielem doch nicht so gut. Wie schön, dass sie in dieser Hinsicht vorbei sind.

Angeschaut zu werden ist lebensnotwendig

Angeschaut zu werden ist lebensnotwendig. Kinder brauchen das von Anfang an. Blickkontakt mit liebevollen Augen. Da ist jemand, der mich anschaut und sich über mich freut. Gut, wenn es Menschen gibt, auf die das zutrifft. Gut, dass die Bibel so viele Geschichten davon erzählt, dass auch Gottes Auge auf uns ruht: liebevoll und offen. Das gilt für Zeiten des Glücks wie für Zeiten der Not. „Du bist ein Gott, der mich sieht“, seufzt in der Bibel eine Frau nach überstandener Krise. Ja, gesehen werden ist gut.

Gesehen werden ist gut. Kinder brauchen das, um eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, um beziehungsfähig zu werden. Sie spielen Verstecken und wollen gefunden werden. Sie wollen gesehen werden mit dem, was sie schon können. Und sie erleben, dass Eltern und Freunde ihnen viel oder wenig zutrauen. Aus dir wird mal ein Künstler! Oder vielleicht auch: Du solltest lieber etwas Technisches machen.

Was sehen andere Menschen in mir?

Erinnern Sie sich daran, was andere in jungen Jahren in Ihnen gesehen haben? Hat Sie das überrascht? Oder waren Sie einverstanden mit dem, was andere Menschen für Ihre Zukunft gesehen haben? Gut, wenn dabei nicht nur oberflächlich hingeschaut wird. Gut, wenn jemand wirklich hinschaut und erkennt, was in einem jungen Menschen steckt und was aus ihm werden kann.

Meine Lieblingsgeschichte dazu hat sich vor etlichen hundert Jahren zugetragen.  Wir wissen nichts darüber, wie der junge Mann selbst gesehen werden wollte, um den es in der Geschichte geht. Jedenfalls hat seine Familie ihm nicht viel Bedeutendes zugetraut. Er war der jüngste von acht Brüdern. Alter und Rangfolge waren wichtig in dieser Familie und in der Gesellschaft damals.

Samuel, der Prophet, mit einer besonderen Aufgabe

Ein alter Mann kam zu Besuch mit einem speziellen Anliegen. Samuel war Prophet, ein Mensch mit besonderer Gottesverbindung. Ihn hatte man mit einer wichtigen Mission betraut. Die Menschen im alten Israel waren auf der Suche nach einem neuen König. Wer, wenn nicht ein Prophet, war so hellsichtig, einen geeigneten Menschen zu finden?

Samuel kam also nach Bethlehem zu der Familie mit den acht Söhnen. Hier könnte sich vielleicht der künftige König finden lassen. Alle Söhne waren eindrucksvolle Gestalten. Samuel schaute sich einen nach dem anderen an. Aber keiner sollte es werden.

Nicht auf das Äußere achten, sondern ins Herz schauen

Samuel kam immer wieder die Anweisung Gottes in den Sinn: Schau nicht nur auf das Äußere. Viel wichtiger ist das Herz eines Menschen. Und Gott ließ Samuel schließlich den jüngsten Sohn auswählen, David. In der biblischen Erzählung heißt es: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an.“

David wird König

Gott hat David für würdig befunden, König in Israel zu werden, obwohl er später sowohl Licht- als auch Schattenseiten zeigen sollte. Er war eine durchaus zwiespältige Gestalt. Aber eben einer, der später auch gelernt hat, zu den eigenen Fehlern und Schattenseiten zu stehen.

Sehen und gesehen werden. „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an.“ Was zeige ich anderen von mir? Und wie weit lasse ich sie in mein Herz schauen?

Das Scho-Scha-Spiel: Was zeige ich von mir?

Sehen und gesehen werden. Was sollen die anderen von mir sehen? Ich nenne es das Scho-Scha-Spiel. Zeige ich meine Schokoladenseiten? Nur die Schokoladenseiten? Oder zeige ich auch meine Schattenseiten? Scho-Scha-Spiel. Wie entscheiden wir uns?

Ein Freund hat sich vor zwei Jahren auf die Suche nach einer neuen Beziehung begeben. Im Alltag und in seinem Umfeld hatte er keinen Erfolg. Also begab er sich ins Netz auf Partnerschaftsportale.

Mit dem Scho-Scha-Spiel auf Partnersuche

Mehrfach rief er mich an und fragte Fragen aus dem Scho-Scha-Spiel. „Kann ich schreiben, dass ich gut aussehe? Oder meinst du, ich sollte lieber schreiben ‚passabel‘? Soll ich sagen, dass ich rauche? Und dass ich beim Spielen schlecht verlieren kann? Oder soll ich das lieber verschweigen?“ Bei den ersten Verabredungen machte er dann die Entdeckung, dass auch die Frauen das Scho-Scha-Spiel betrieben. Meistens in der reinen Schokoladenvariante.

Nach ein paar Monaten und etlichen Fehlversuchen kam es zu dem Glückstreffer. Er traf tatsächlich eine Frau, die so war, wie sie sich auf der Internetseite beschrieben hat. Sie spielte Scho und Scha, Schokolade und Schatten. Die beiden sind zusammengekommen.

Es braucht Mut, auch zu seinen Schattenseiten zu stehen

Woher kommt der Mut, beide Seiten an sich zu sehen – und beide Seiten zu zeigen? Ich glaube, dass es dafür die Erfahrung braucht, von anderen so akzeptiert zu werden: in meiner eigenen Scho-Scha-Mischung. Und dass ich mich selbst so annehmen kann. Mit beiden Seiten.

Mir wäre es zu mühsam, die reine Schokoladenvariante zu pflegen. Da müsste ich alle Fotos überarbeiten, meine Biographie glätten und meine Schwächen verstecken. Ich hätte das Gefühl, mir permanent in die Tasche zu lügen. Das ist für die Seele so schädlich wie Kettenrauchen für die Lunge.

Mein Freund hat eine Frau gefunden, die es ehrlich mit sich selbst und mit ihm meint. Was für ein Glück! Es macht Mut, wenn andere mich auch mit meinen Schattenseiten akzeptieren. Das macht mich frei dafür, an mir zu arbeiten. Manche Schatten bleiben, die stecken zu tief in mir. Andere kann ich vielleicht verändern. Wenn Menschen mich so ermutigen, bringt mich das weiter.

Vor Gott kann ich sein, wie ich bin

Noch tiefer sitzt in mir das Vertrauen, dass ich mich vor Gott so zeigen und sagen kann: „Danke für die Schokoladenseiten, Begabungen, Talente! Und hilf mir mit meinen Schattenseiten.“

Wenn ich erlebe, dass Menschen andere  rein nach Äußerlichkeiten beurteilen, nach Hautfarbe, Alter oder Falten, tut mir das in der Seele weh. Erst recht, wenn ich mich selbst dabei ertappe. Dann rufe ich mir den Satz aus der Bibel in Erinnerung: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an.“ Und ich sage: Gott sei Dank!

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