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Begegnung mit dem Fremden

Begegnung mit dem Fremden

Dr. Barbara Brüning
Ein Beitrag von

Dr. Barbara Brüning,

Katholische Journalistin, Autorin und Systemische Familienberaterin, Frankfurt
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Also die Freundin meiner Mutter geht nun nicht mehr in die Stadt. Neulich, als meine Mutter sie gefragt hat, ob sie einen Stadtbummel machen wollten, da hat sie nur gesagt: „Willst du ein Messer in den Bauch haben?“ Meine Mutter hat geantwortet: „Ich gehe oft in die Stadt und es ist noch nie was passiert.“ Aber das hat die Freundin nicht überzeugt. Ähnlich haben wohl auch die Leute gedacht, die vor kurzem mit mir an der Straßenbahnhaltestelle gestanden haben. Da war ein junger Mann mit etwas dunklerer Hautfarbe und hat gefragt, wie er zum Industriehof kommt. Sein Deutsch war nicht sehr gut zu verstehen, aber die Haltestelle nannte er ganz klar. Der Mann, den er als erstes gefragt hat, hat die Hände wie zur Abwehr vors Gesicht gehoben, den Kopf geschüttelt und ist schnell ans andere Ende der Haltestelle gegangen. Eine Frau war weniger rigoros, hat aber auch nur den Kopf geschüttelt und sich weg gedreht. Auf mich hat der junge Mann nicht so angsteinflößend gewirkt. Und so hab ich ihm erklärt, wie er fahren muss. Ein Stück konnten wir dann zusammen fahren. Er hat erzählt, dass er eigentlich hier ist, um seine Firma auf der Messe zu vertreten. „Heute morgen bin ich aus Indien angekommen. Ich will mich mit einem Freund treffen, der hier studiert“, hat er mir erzählt.

Hinterher hab ich mir gedacht: Wie schade, dass so viele sich solche Angst machen lassen vor Fremden. „Du könntest Jesus gesehen haben – ohne zu wissen, was du sahst“ heißt es in einer Liedzeile von Art Garfunkel. Jesus war arm, er war fremd und er hatte sicher eine südländisch dunklere Hautfarbe. Wenn er bei uns an einer Haltestelle stehen würde - wer hätte heute überhaupt den Mut, ihm zuzuhören? Dabei ist etwas Neues doch immer erst mal fremd. Jedenfalls hoffe ich, dass auch die Freundin meiner Mutter ihre Angst überwindet und in ihrer eigentlich so offenen und fröhlichen Art mal wieder ganz neuen Menschen begegnet. Egal, wie sie aussehen.

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