400 km für Gerechtigkeit
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400 km für Gerechtigkeit

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Die Krawallmacher beim G 20-Gipfel haben es sich einfach gemacht. Sie sind schwarz vermummt durch die Straßen von Hamburg gezogen, haben randaliert und behauptet, das wäre Protest. Was echter Protest ist, das haben am letzten Wochenende ganz andere gezeigt. In der Türkei sind Hundertausende auf die Straße gegangen und haben friedlich gegen die autoritäre Politik von Erdoğan demonstriert. Sie hatten weiße Kappen auf und weiße Schilder in der Hand. Auf denen stand nur ein Wort: Adalet. Auf Deutsch: Gerechtigkeit. Sie haben ihr Gesicht gezeigt für Gerechtigkeit in ihrem Land.

Kemal Kılıçdaroğlu heißt der Mann, der diese vielen Menschen mobilisiert hat. Er ist der Oppositionsführer im türkischen Parlament. Am Anfang hat ihn kaum jemand ernst genommen. Er hatte verkündet: Aus Protest gegen die Inhaftierung von Journalisten, Politikern und Professoren geht er zu Fuß von Ankara bis nach Istanbul. Ein langer Weg, über 400 Kilometer. Erst laufen nur ein paar Hundert Menschen mit bei glühender Hitze. Es werden immer mehr. In Istanbul sind es mehrere Hunderttausend. Sie wollen kein Ein-Mann-Regime. Sie wollen echte Demokratie. Gerechtigkeit, nicht zuletzt auch für Deniz Yücel und Mesale Tolu, die inhaftierten deutschen Journalisten.

Es gibt sie also doch, die andere Türkei, die für Demokratie auf die Straße geht. Mut und Stärke beweist man nicht, indem man Schaufenster einwirft oder Autos in Brand steckt. Mutig und stark ist, wer Gesicht zeigt und für die aufsteht, denen Unrecht getan wird. Die Mächtigen dieser Welt kann man ganz friedlich mit einem einfachen Fußmarsch nervös machen.

Nicht dreinschlagen, sondern dranbleiben, hartnäckig sein, so beschreibt die Bibel Menschen, die für Gerechtigkeit kämpfen. Jesus erzählt von einer Witwe, die immer wieder zu einem ungerechten Richter geht und von ihm fordert: „Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!“ (Lukas 18,3) Der ungerechte Richter weigert sich. Doch die Witwe hört nicht auf, kommt immer wieder und fordert: „Schaffe mir Recht!“ – bis der Richter tatsächlich für Gerechtigkeit sorgt. Ein langer Weg. Aber so geht’s – friedlich, aber hartnäckig.

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