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Zugvögel
Bildquelle: Kerstin Riemer/Pixabay

Zugvögel

Ein Beitrag von Christof Hartge, Alt-Wildungen

Mein Pfarrgarten ist groß. Und jetzt ist die Zeit, wo alles wächst. Ab und zu ziehe ich aus, um ihn zu bändigen, dass mir nicht alles über den Kopf wächst. Allerdings wohnen in den Tiefen des Gartens Bewohner, die sehen mich nicht gerne kommen.

Ein kleiner Vogel fliegt vor mir her. Mit jedem Flügelschlag blitzt die rote Farbe seiner Schwanzfedern auf. „Dit, dit, dit dit“, tönt er. Ich kann nicht anders, als das kleine Tier zu bemerken. Listig sorgt er dafür, dass ich auf ihn achte. Ich könnte sonst ja noch auf den Gedanken kommen, nach seinem Nest zu schauen. Also lässt er es rot blitzen, fliegt vor mir her und ist ein sehr mutiger kleiner Vogel. So geht es die ganze Brutzeit über. Irgendwann Mitte September, werde ich in den Pfarrgarten gehen und kein Rotschwänzchen wird versuchen, mich von seinem Nest abzulenken.

Wie alle Zugvögel hat er sich dann aufgemacht. Möglich ist, dass er über den Balkan bis nach Israel fliegt. Dort sammeln sich jedes Jahr über drei Millionen Zugvögel. Denn es ist nur ein schmaler Streifen, zwischen dem Meer und dem Gebirge, auf dem sie unterwegs sein können. So wird es dieses Jahr sein, so war es schon immer. Schon der biblische Prophet Jeremiah beobachtete das. Die Vögel kennen ihre Zeit und richten sich danach. Warum nicht auch die Menschen. Mein Volk achtet nicht auf die Zeit. Die Vögel folgen ihrem inneren Kompass, aber mein Volk tut, als ob es das Recht seines Gottes nicht kennt. (Jeremia 8,7).

Die Vögel werden sich dann wieder aufgemacht haben und im Frühjahr sind sie wieder bei uns. Und die Gedanken, die Jeremia sich machte, die haben sich auch auf den Weg gemacht, bis zu mir, zu meiner Gemeinde und dem schönen Ort, an dem ich leben darf und sie machen mir Mut.

Denn auch für uns ändern sich die Dinge. Sicher nicht so regelmäßig wie für die Zugvögel, aber doch ändern sie sich. In der zweiten Klasse der Grundschule haben wir gerade festgestellt, dass in den Familien der Kinder zehn verschiedene Fremdsprachen eine Rolle spielen. Wenn da einer sagt: „Davon will ich gar nichts wissen, es bleibt alles wie es ist!“, da hoffe ich, dass uns die Zug-Unruhe überfällt, dass wir uns sammeln, uns verständigen und auf den Weg zu einer besseren Lösung machen. Die Tiere können die Zeichen der Zeit lesen, und fliegen los. Das können wir doch auch! Die Vögel haben ihren inneren Kompass, der sie sicher leitet. Ich vertraue mit dem Propheten Jeremiah darauf, dass der Schöpfer bei uns diesen Kompass nicht vergessen hat. Der kann nicht die Himmelrichtung anzeigen, aber doch den Unterschied zwischen Recht und Unrecht, manchmal auch zwischen Nichts-Tun und dem, was einfach nötig ist.

Schließlich vertraue ich darauf, dass es gut gehen kann. Ein winziger Vogel bricht auf. Er begibt sich auf einen Weg, von dem er weiß, dass er ihm folgen muss. Er hat aber keine Vorstellung. So meine ich, könne wir uns darin üben, die Zeichen der Zeit zu erkennen und aufzubrechen, auch ohne klare Vorstellung, von dem was da kommen soll.

Dazu braucht es Mut, aber nicht mehr als auch der kleine Vogel hat, der durch meinen Pfarrgarten hüpft.

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