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Weihnachtsgrüße
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Weihnachtsgrüße

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von

Dr. Ulf Häbel,

Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen
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Da schreibt noch einer mit der Hand. So hat jemand reagiert, dem ich mit der Hand einen Brief geschrieben hatte. Der Anlass dazu ist schnell erklärt.

Im Dorf, in dem ich lebe, hatte ich ein Projekt zur Dorfentwicklung angestoßen. Zwei seit Jahren leer stehende Häuser sollten zu einem Ort der Begegnung werden. Das hat auch geklappt. Es ist ein Laden entstanden, in dem man alle Dinge für den täglichen Gebrauch kaufen kann; es gibt eine Begegnungsstätte für ältere Menschen, die gemeinsam kochen, essen, singen, erzählen; ein paar altersgerechte Wohnungen sind entstanden, dazu eine Arztpraxis. Bei der Umsetzung des Projektes gab’s auch Probleme und natürlich auch unterschiedliche Meinungen zum Vorgehen überhaupt.

Jemand hat einen Leserbrief in die Zeitung gesetzt; darin kam ich als Initiator der Sache nicht so gut weg.

Auf diesen Leserbrief habe ich nicht über die Zeitung, sondern mit einem persönlichen Brief geantwortet. Wir haben uns dann getroffen, der Lesebriefschreiber und ich. Und wir haben über alles geredet.

Eine Zeitlang kreiste unser Gespräch um meinen handschriftlichen Brief. Das täte heute kaum noch jemand, meinte mein Gesprächspartner verwundert. Digitale Kommunikation ist die Regel – also Email, SMS, Facebook usw.

Ich hatte es anders gemacht – geschrieben mit der Hand. Das mag veraltet oder unmodern erscheinen, ich tue es doch. Ich finde: Wer mit der Hand schreibt, zeigt etwas von sich selbst – eben seine Handschrift.

In einem Zeitungsbericht habe ich gelesen, dass Pädagogen eine Untersuchung bei Grundschulkindern gemacht haben; wie sie lesen und schreiben lernen. Eine Erkenntnis war, dass viele Kinder mit der Hand ziemlich unleserlich schreiben. Dementsprechend lautete auch die Überschrift des Artikels: Mehr gekritzelt als leserlich geschrieben.

Als ich vor fünfundsechzig Jahren in die Volksschule ging, gab es ein Fach „Schönschreiben“. Da sollten wir lernen, so zu schreiben, dass man es auch lesen kann. Dieses Fach gibt es nicht mehr. Eigentlich schade. Wenn ich heute gelegentlich aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis einen Brief bekomme, auf dem meine Adresse und der Absender mit der Hand geschrieben sind, weiß ich meistens wer mir geschrieben hat, bevor ich den Brief gelesen habe. An der Handschrift kann man jemanden erkennen.

Das hat mir meine Mutter beigebracht. Sie hat streng darauf geachtet, dass wir zu Weihnachten Briefe an die Großeltern und andere Verwandte schrieben. Die sollen sehen, dass wir an sie denken. Unsere Familie war durch den Krieg und die Flucht auseinander gerissen. Ein Teil der Familie war im Osten Berlins, der damaligen DDR geblieben. Die anderen, zu denen ich gehörte, waren im Westen – wie man sagte – daheim. Und wir aus dem Westen schickten in der Weihnachtszeit Päckchen zu denen im Osten. Kaffee und Perlonstrümpfe, Zahnpasta oder versteckt Zigaretten waren da drin. Meine Mutter achtete darauf, dass wir dann Grüße mit der eigenen Hand geschrieben dazulegten. Sie hätte es nicht geduldet, einfach Aufkleber mit „Fröhliche Weihnachten“ drauf zu pappen – falls es die damals schon gegeben hätte.

Man schreibt mit der Hand – leserlich, dann sieht der andre, dass du an ihn denkst, er erkennt dich an deiner Handschrift und freut sich.

Heute schicke ich keine Weihnachtspäckchen mehr in den Osten. Doch ich verschicke immer noch Grüße, mit der Hand geschrieben.

Ich finde: es sieht auch anders aus, wenn ich „Fröhliche Weihnachten“ mit meiner Handschrift schreibe als wenn ich diesen Wunsch mit Goldbuchstaben auf einer millionenfach gedruckten Karte verschicke. Es ist doch persönlicher, mit der Hand zu schreiben. So werde ich in den nächsten Tagen Weihnachtsgrüße an ein paar mir vertraute Menschen schicken. Vielleicht tun Sie es auch.

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