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#unteilbar Solidarität statt Ausgrenzung
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#unteilbar Solidarität statt Ausgrenzung

Johannes Meier
Ein Beitrag von

Johannes Meier,

Evangelischer Pfarrer und Journalist, Kassel
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Bei längeren Zugfahrten bin ich ja eher so der Großraumwagen-Typ. Am liebsten suche ich mir einen freien Zweierplatz im ICE-Ruhebereich, klappe das Tischchen von der Rücklehne des Vordersitzes runter und den Laptop auf – und nutze die Zeit zum Arbeiten oder für ein paar E-Mails. Wenn gerade nichts ansteht schaue ich gern mit guter Musik auf den Ohren in die vorüberziehende Landschaft draußen vorm Zugfenster. Herrlich entspannend ist das. Ich gehöre also eher nicht zu den Leuten, die beim Bahnfahren das Gespräch mit ihrem Sitznachbarn suchen, es kommt nur sehr selten vor, dass ich auf einer Fahrt von Kassel nach Berlin neue Zugbekanntschaften mache. Im Urlaub aber ist das manchmal anders: Vor einiger Zeit bin ich mit dem Zug in Marokko unterwegs gewesen, mehrere Stunden von der alten Königsstadt Fez bis zur Hafenmetropole Tanger. Kein Großraumabteil, kein Zug-WLAN, keine dienstlichen E-Mails, die ich hätte abarbeiten müssen. Wir saßen zu fünft in einem kleinen Abteil – und augenscheinlich war ich der einzige Ausländer. Es dauerte nicht lang, bis eine muntere Unterhaltung in Gang kam. Die modisch gekleidete ältere Dame gegenüber übernahm die Rolle der Dolmetscherin und sorgte so auf englisch und arabisch dafür, dass ich an den Gesprächen teilnehmen konnte. Über Kultur und Politik diskutierten wir bald genauso wie über religiöse Themen – und als unser Zug nach gut vierstündiger Fahrt endlich in den Bahnhof von Tanger rollte, wusste ich sogar, wie ein ordentliches Kuskus-Gericht nach nordmarokkanischer Tradition unbedingt zuzubereiten ist. Auf dieser Bahnfahrt habe ich mehr über Land und Leute gelernt, als in der ganzen Urlaubswoche davor – und ich glaube, auch umgekehrt erfuhren meine Abteilnachbarn manch neue Einsichten vom Leben in Deutschland und Europa.

Zuhause in unserem Alltag aber kommt es immer seltener zu solchen Gesprächen zwischen fremden, ganz unterschiedlichen Menschen – und das liegt nicht nur an gerne im Zug auf Bildschirme starrenden und unter Kopfhörern versteckten Leuten wie mir. Doch wer nicht miteinander spricht, der kann einander irgendwann auch nicht mehr verstehen. So verfestigen sich Vorurteile und Feindbilder entstehen. Gesellschaftlich ist das ein Problem. Dagegen etwas unternehmen will die Aktion „Deutschland spricht“. Über eine Online-Plattform konnte man sich für dafür anmelden und gleich ein paar Themen und Ansichten angeben, für die man so steht. Dann wurde automatisch ein ebenfalls registrierter, aber möglichst unterschiedlicher Gesprächspartner ausgesucht. Vor ein paar Wochen ist es dann passiert: In ganz Deutschland haben sich an einem Tag wildfremde Menschen mit ganz unterschiedlichen Ansichten zum Vier-Augen-Gespräch über Gott und die Welt getroffen. Und einige davon sogar im Zug.

Die Aktion „Deutschland spricht“ ist ein spannendes Experiment gewesen. Es hat dazu beigetragen, Schweigen, Vorurteile oder Unverständnis in Austausch und Debatten zu verwandeln. Der Sozialpsychologe Gordon Allport hätte sich darüber bestimmt sehr gefreut. Von ihm stammt ein bahnbrechendes Buch mit dem Titel: „Die Natur des Vorurteils“. Das hat er schon 1954 geschrieben. Allport vertritt darin die sogenannte Kontakthypothese. Die lautet kurzgefasst: Kontakt über die Grenzen von eher gleichförmigen Gruppen hinweg ist ein gutes Heilmittel gegen Vorurteile. Vorurteile lassen sich also abbauen, wenn man dem anderen begegnet. Was in den 50er Jahren noch neu und gewagt erschien, hat sich längst unzählige Male empirisch als richtig erwiesen. Dazu passt auch das typische TV-Interview mit einem PEGIDA-Demonstranten, der eben noch „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“ gebrüllt hat. Jetzt fragt der Reporter: „Haben Sie denn persönlich in Ihrem Alltag schon einmal Probleme mit Ausländern oder Flüchtlingen gehabt?“ – „Hm, eigentlich nicht.“ – „Kennen Sie Ausländer oder haben Sie Kontakt zu Flüchtlingen?“ – Nochmal schüttelt der Mann den Kopf – und läuft dann weiter durch die Straßen von Dresden, wo weit weniger Menschen mit Migrationshintergrund leben als im bundesdeutschen Durchschnitt.

In Berlin zogen gestern einige zigtausend Menschen vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor, um für eine offene und freie Gesellschaft zu demonstrieren: „Hashtag #unteilbar – Solidarität statt Ausgrenzung“, so lautete das Motto dieser bundesweiten Großdemo, zu der ein breites Bündnis von Organisationen und Verbänden der Zivilgesellschaft sowie viele Prominente aus Kunst, Kultur, Politik und Kirchen aufgerufen haben. Ein ziemlich bunter Haufen. Gepiercte linke Kapuzenpullover-Typen konnte man Seite an Seite mit beigefarbenen Rentern demonstrieren sehen, Kopftuchmädels liefen neben bärtigen Hipstern, katholische Prieser unweit von Regenbogen-Fahne-schwenkenden Lesbenpärchen. Völlig verrückt dieses Durcheinander? – Nein, ganz normal eigentlich, so ist das nun einmal in einer Gesellschaft, in der die unterschiedlichsten Menschen miteinander leben und irgendwie bitte klarkommen müssen. Den #unteilbar-Demonstranten in Berlin geht es nicht um eine verklärte Multikulti-Romantik, sondern um ein gelingendes Miteinander in Vielfalt. Und das kann manchmal auch furchtbar anstrengend sein.

Ja, es ist oft anstrengend, wenn man mit unterschiedlichen Leuten klar- und auskommen muss. Mit Wohlfühlmusik auf den Kopfhörern wird eine Zugfahrt entspannter als mit einer kontroversen Diskussion im vollbesetzten Abteil, keine Frage.

Als Gemeindepfarrer habe ich manchmal den Vorsitzenden vom Spielmannszug beneidet: Bei dem marschieren alle immer schön im gleichen Takt in einheitlicher Uniform. In der Kirchengemeinde hingegen streiten konservativ-fromme mit links-engagierten Christen, konkurriert der Gospel- mit dem Posaunenchor, wollen Jugendliche was ganz anderes als die Senioren. Und wenn im Konfirmandenunterricht die Gymnasiasten auf einmal auch mit Sonderschülern – und umgekehrt – klar kommen müssen, wird’s besonders spannend. Ein Lernfeld, das zu beackern nicht immer einfach ist, auf dem aber gesellschaftliches Miteinander anstelle von Gegeneinander gedeihen kann. „Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander umzugehn“, singen wir dann gemeinsam – und der alte Konfi-Schlager klingt so immer wieder aktuell.

Hashtag-#unteilbar – das trifft tatsächlich auch auf eine Kirchengemeinde, ja auf die Kirche der Freiheit insgesamt zu: Unterschiedliche Meinungen und politische Ansichten, unterschiedliche Frömmigkeiten und Bildungshintergründe, unterschiedliche Geschlechter und Generationen können in ihr zu Hause sein. Viele Glieder, die einen Leib in Jesus Christus bilden. Und der hat ja schon seinerzeit nie aufgehört, das Gespräch mit Andersdenkenden zu suchen und für ein Miteinander in Vielfalt einzutreten. Er diskutierte mit dem Establishment und setzte sich zugleich mit Ausgegrenzten an einen Tisch. Er wandte sich Kindern genauso wie Alten zu. Er zeigte Wege auf, wie Reiche und Arme miteinander auskommen können.

Wer heute das „Christliche Abendland“ durch Abschottung verteidigen will, hat nichts von Jesu Botschaft begriffen: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zur Ehre Gottes(Rm15,7) Solidarität statt Ausgrenzung, dazu fordert die Bibel uns immer wieder auf.

 – Mir macht es Mut, dass unter diesem eigentlich ganz und gar christlichen Leitspruch gestern 10tausdende in Berlin demonstriert haben. Raus aus der Wohlfühlzone des privaten Ruheabteils, rauf auf die Straße. Aber nicht im Gleichschritt, sondern in einer bunten Vielfalt, für die sich jede Anstrengung lohnt.

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