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Und allmählich vergeht die Nacht
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Und allmählich vergeht die Nacht

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Plötzlich ein Schmerz. Oben rechts, über der Schulter. Da hilft ein Physiotherapeut. Er hat die Ruhe weg. Bevor er Hand an mich legt, fragt er nach meinem Alltag, nach Sport, Bewegung. Ich antworte kurz und nicht schmerzlos. Dann darf ich auf die Bank. Er nimmt Öl und massiert. Erst Stellen, an denen es nicht weh tut. Dann kommt er oben an. Jetzt tut es richtig weh. Ich muss die Zähne zusammenbeißen. Seine Finger nimmt er nicht weg von dem einen Punkt. Der Therapeut sagt: Hier sitzt es. ‚Das merke ich‘, jammere ich. Dann sagt er: Wissen Sie, man muss gegen den Schmerz kämpfen, indem man ihn verstärkt. Den Finger drauf legt, drückt und reibt. So löst er sich, allmählich.

Ich glaube ihm kein Wort. Aber er behält Recht. Auf dem Heimweg spüre ich weniger. Zwei Tage später macht er das gleiche. Wieder wird es besser. Noch weniger Schmerz. Weg ist er nicht, aber weniger da. Seltsame Methode. Man muss gegen den Schmerz kämpfen, indem man ihn verstärkt. Den Finger drauf legt, immer wieder. Der Schmerz löst sich auf. Allmählich. Durch mehr Schmerz. Das müsste auch der Seele gut tun. Kummer nicht weglächeln, Trauer nicht betäuben, vom Leid nicht ablenken. Sich Tränen gestatten. Ruhig auch vor Fremden. Den Schmerz ansehen, Schmerz sein lassen. In keine Ablenkung flüchten. Schon gar nicht in Wut gegen alles und jeden.

Besser ist kämpfen. Gegen den Schmerz in sich. Und zu wissen, dass Gott nie irgendwo ist. Sondern mittendrin, wo Schmerz ist. Teil meiner Seele. Darauf richte ich meine Sinne. Und alle Gebete. Dann löst sich der Kummer. Tag für Tag mehr. Es wird etwas heller. Und allmählich vergeht die Nacht. 

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