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Thomas D: Rückenwind

Thomas D: Rückenwind

Anke Jarzina
Ein Beitrag von

Anke Jarzina,

Katholische Pastoralreferentin in der Pfarrei St. Peter und Paul Rheingau, Eltville
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Sommerreihe "Mit Popsongs auf Sinnsuche: Aufbruch" - Teil 3

Meinen kleinen Sohn habe ich früher immer gerne auf dem Fahrrad in den Kindergarten gefahren. Er saß dann hinten in dem Kindersitz auf dem Gepäckträger und hat sich gefreut, dass er gar nichts machen muss und dass es trotzdem voran geht. Das Ganze hatte nur einen kleinen Haken: ich musste mich abstrampeln, vor allem bergauf. Ich war ziemlich froh, als er die Strecke dann endlich selbst per Laufrad zurücklegen konnte. Aber: eins fehlt mir manchmal. Wenn der Berg, den wir raufmussten, steil war, hat mein Sohn gerne seine kleinen Händchen kräftig gegen meinen Rücken gestemmt und gesagt: „Ich schieb dich, Mama, dann geht’s leichter!“ Es klingt verrückt, aber tatsächlich hab ich mich von ihm angeschoben gefühlt und kam den Berg leichter rauf. Mag auch sein, dass das an dem Lächeln lag, dass er mir damit ins Gesicht gezaubert hatte. Jedenfalls hatte er mir damals im wahrsten Sinne des Wortes den Rücken gestärkt.

Manchmal brauch ich das in meinem Leben: Jemanden, der mich anschiebt, damit ich Fahrt aufnehmen kann. Wenn zum Beispiel wichtige Entscheidungen anstehen oder ich mal etwas Neues ausprobieren will, bin ich immer ganz froh, wenn jemand sagt: „Mach doch einfach mal!“ Das war schon oft genau der Anschubser, den ich noch benötigt hab. Und auf einmal ging es voran.

Voran geht es auch in dem Song „Rückenwind“ von Thomas D – und zwar ganz schön flott. Untermalt vom dynamischen Beat und der fröhlichen Posaunenmelodie im Refrain klingt das erst einmal so, als wollte er einfach nur mal raus, gut gelaunt und sorgenfrei.

Also hau ich ab mit Sack und Pack
und pack ein paar meiner sieben Sachen, die ich hab,
und da wird mir klar: Es fehlt immer ein Stück,
doch ich mach mir nichts draus,
setz den Wagen zurück und bin raus.

Fahr gerade über Land, es wird grade mal hell,
spüre Freiheit in mir, denk: das ging aber schnell!
Bleibe besser im Hier, denn es gibt kein Zurück
und alles was ich brauch` ist mein Auto und Glück.


Ist die Anlage an, dann geht der Sound ab,
und ich rauch die Zigarette, die ich dafür gebaut hab,
und schaut ab und zu mal einer dumm,
dann nehm ich`s ihm nicht krumm,
denn Thomas D haut ab und ich weiß ich komm rum.
Und ihr schaut ab und zu mal besser eure Straße lang,
denn irgendwann komm ich an
und dann hoff ich, ihr wisst was geht
und dass ihr mich versteht,
und macht was draus,
denn eh ihrs euch verseht, bin ich wieder raus.


Ich packe meine Sachen und bin raus mein Kind.
Thomas D ist auf der Reise und hat Rückenwind.


Ich sag es euch auf diese Weise: Alle, die am Suchen sind,
sind mit mir auf der Reise, haben Rückenwind.


Und wir fahr‘n auch über Wasser, wenn dort Brücken sind.
Hey, der Typ hat ´ne Meise, aber Rückenwind.
Wir betreten neue Wege, die wir noch nicht hatten,
ich neh‘m euch mit n‘ Stück in meinem Windschatten.


Wahnsinn, diese Geschwindigkeit! Es geht um Bewegung, ums Reisen, um Aufbruch und - um Rückenwind. „Einfach mal raus aus dem Alltag!“, so klingt das für mich.

Aber: in der zweiten Strophe ändert sich das. Da ist von Daheimbleiben die Rede und von Partys zu Hause. Ich glaube: es geht gar nicht so sehr um das Aufbrechen im Sinne von „spontan verreisen“, sondern um eine Art innere Bewegung, um eine Veränderung der Perspektive.

Und doch genieß ich die Zeit, die ich Daheim vertreib,
denn zum Zeitvertreib führt der Weg meiner Freunde zu mir her.
Meine Wohnung ist nie leer,
und es könnten noch viel mehr
Partys abgeh’n, wovon wir abseh’n.


Wenn auch die Freunde bei mir aus und ein geh‘n und abdreh’n,
ist es egal wie viel Aufseh‘n wir erregen,
weil wir doch noch mehr bewegen,
bewegen wir uns auf anderen Ebenen
und bringen mehr Bewegungen zu anderen noch Lebenden.


Und fällt dem Regen ein, er wollt mein Wagen ja noch waschen,
hab ich euch in meinem Herzen und Musik in den Taschen.
Und mit so ‘ner Einstellung werd` ich alles überleben.
(Sagte ich nicht irgendwann mal es wird Regen geben?)


Es gibt nicht nur Sonnenschein, doch ich lass die Sonne rein.
Yeah, der Meister ist im Haus und lässt die Sonne raus.
Denn seh` ich die Straßen, die Wolken, gehört die Welt mir.
Ich hab nur Unsinn im Sinn und ich hab dich im Visier.


Ich packe meine Sachen und bin raus mein Kind.
Thomas D ist auf der Reise und hat Rückenwind.


Ich sag es euch auf diese Weise: Alle, die am Suchen sind,
sind mit mir auf der Reise, haben Rückenwind.


Und wir fahr‘n auch über Wasser, wenn dort Brücken sind.
Hey, der Typ hat ´ne Meise, aber Rückenwind.
Wir betreten neue Wege, die wir noch nicht hatten,
ich neh‘m euch mit n‘ Stück in meinem Windschatten


Ehrlich gesagt: Dieser leicht arrogante Typ mit seinem schnellen Sprechgesang strahlt eine Lebensbejahung aus, die mich irgendwie mitreißt. Die Sonne reinlassen, auch wenn es regnet – oder zumindest wahrnehmen, dass Regen praktischerweise den Wagen sauber macht - das ist doch wahre Lebenskunst. Er sagt selbst: „Mit so ‘ner Einstellung werd‘ ich alles überleben.“ Davon ist er total überzeugt – und das gibt ihm Rückenstärkung, Rückenwind.

Viele Lebenskünstler sagen: Das Leben ist eine Reise. Die Lebensreise von Thomas D sieht so ähnlich aus, wie er es in dem Song beschreibt: „Alle, die am Suchen sind, sind mit ihm auf der Reise.“ Dass er mit Gleichgesinnten unterwegs ist und mit ihnen zusammen ungewöhnliche, neue Wege beschreitet, das trifft tatsächlich zu.

Thomas D. lebt mit seiner Familie und mit anderen Musikern in einer alternativen Landkommune, die sich eine friedliche und spirituell orientierte Lebensweise auf die Fahne geschrieben hat. Außerdem ist sein soziales und ökologisches Engagement beachtlich: Als Veganer unterstützt er die Tierrechtsorganisation PETA, er setzt sich für den Klima- und Umweltschutz ein und engagiert sich für Flüchtlingskinder.

Wenn ich diesen leidenschaftlichen Einsatz mit seinem Song „Rückenwind“ in Beziehung bringe, wird mir klar: Es geht ihm in dem Lied tatsächlich um mehr als ein „Raus aus dem Alltag“. Es geht um Überzeugungen und Einstellungen, und um die Art und Weise, wie ich durch’s Leben gehe.

Und irgendwann komm ich dann in ‘nem Wohnmobil an.
Bin somit ständig am Reisen,
immer am Ziel, und kann euch am besten beweisen:
alle brauchen Visionen. Ich hab die: Ich steh vor euerm Haus
und ihr lasst mich drin wohnen,

und wir fahr‘n gemeinsam ab, weil jeder selbst steuert,
dann geb` ich euch meine Kraft, weil ihr mich anfeuert,
denn wenn ihr beteuert, mich zu versteh’n,
dann lasst mich geh´n -
und wir werden uns wieder sehn.

Ich lass nur zurück, was keiner braucht:
Last, die mich unten hält, obwohl sie selbst nicht taucht.
Denn ich brauch freie Sicht, ich weiß ich leb umsichtig
mir ist nicht viel wichtig nur eins: Folg mir nicht!
Ich bitt dich nicht mit mir zu geh’n! Weiß das eine:
Reisen ist gesund! Ich hau ab und zieh Leine,
und ihr seht mich als Punkt am Horizont verschwinden,
um ein Stück weiter hinten mich selbst zu finden.


Aha! Das Ziel der Reise ist, „mich selbst zu finden“. Und das geht offenbar nur alleine, denn seine bisherigen Wegbegleiter schickt er fort. Ab einem gewissen Punkt liegt es also ganz allein an mir: ich muss entscheiden, wie meine Lebensreise weitergeht, und von welchen Überzeugungen und Einstellungen ich mich führen lasse. Denn: der charismatische, positive, begeisternde Anführer Thomas D ist plötzlich nicht mehr da: „Folg mir nicht!“, sagt er extra noch.

Tja, und woher kommt jetzt der Rückenwind, die Rückenstärkung? Wer nimmt mich mit in seinem Windschatten und schützt mich so vor Gegenwind? Wer schiebt mich an zu immer wieder neuen Aufbrüchen? Welche Kraft kann diese Aufgaben in meinem Leben übernehmen und Rückenwind für mich sein? Das muss ich wohl selbst herausfinden. Im Lied jedenfalls wird keine Antwort gegeben.

Ich habe eine für mich überzeugende Antwort im christlichen Glauben gefunden. Da gibt es eine Kraft, die genau das tut: die uns den Rücken stärkt auf unserer Lebensreise. Diese Kraft ist der Heilige Geist.

Die Bibel erzählt: Damals, als Jesus starb und seine Jünger auf einmal ohne ihren Anführer dastanden, war es der Heilige Geist, der sozusagen die Führung übernahm. In der Geschichte ist sogar von einem „starken Brausen“ die Rede. Dieser Geist wurde zum kraftvollen Rückenwind der ersten Christen. Von ihm angetrieben wagten sie immer wieder neue Aufbrüche. Sie hatten eine grundpositive Sicht auf die Welt und sahen in allen Menschen Kinder Gottes. Sie waren begeistert von der Botschaft Jesu und verbreiteten sie weiter, vor allem durch die Art und Weise, wie sie miteinander und mit anderen umgingen. Trotzdem schlug ihnen am Anfang heftiger Gegenwind entgegen: die Römer verfolgten sie und brachten viele von ihnen um. Christ konnte man nur heimlich sein. Trotzdem: Es blieben viele dabei, weil sie sich vom Heiligen Geist gestärkt und - wenn man so will: von seinem Windschatten - beschützt fühlten.

Das ist anstrengend: Aus Überzeugung und Begeisterung heraus immer wieder gegen die große Mehrheit anzutreten. Ich kenne das nicht nur aus dem kirchlichen Bereich, sondern auch aus meinen politischen Bemühungen: als Teil einer kleinen Fraktion im Stadtparlament ist es nicht immer leicht, standhaft zu bleiben und den Gegenwind auszuhalten. Aber: meine Überzeugung und die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten gibt mir immer wieder Rückenwind.

Als Christin fühle ich mich auch in Bezug auf meine weltlichen Einstellungen vom Heiligen Geist angetrieben. Durch ihn fühle ich mich gestärkt, wenn mir mal wieder alles zu viel wird, ich fühle mich getröstet, wenn es Verluste zu betrauern gibt. Durch ihn ändert sich in vielen Dingen meine Perspektive aufs Leben und ich kann auch da die Sonne sehen, wo es gerade regnet. Der Heilige Geist gibt mir Mut, neue Aufbrüche zu wagen. Wenn es in meinem Leben anstrengende Anstiege zu bewältigen gibt, fühle ich mich von ihm angeschoben – in etwa so, wie von den kleinen Händen meines Sohnes beim Fahrradfahren.

Der Heilige Geist ist für mich der kraftvollste Rückenwind, den es gibt. Er lässt mich meine Lebensreise aufrecht gehen, auch bei Gegenwind. Ich bin davon überzeugt: mit seiner Hilfe werde ich irgendwann das Ziel meiner Lebensreise erreichen und - mich selbst finden.

Ich packe meine Sachen und bin raus mein Kind.
Thomas D ist auf der Reise und hat Rückenwind.


Ich sag es euch auf diese Weise: Alle, die am Suchen sind,
sind mit mir auf der Reise, haben Rückenwind.


Und wir fahr‘n auch über Wasser, wenn dort Brücken sind.
Hey, der Typ hat ´ne Meise, aber Rückenwind.
Wir betreten neue Wege, die wir noch nicht hatten,
ich neh‘m euch mit n‘ Stück in meinem Windschatten.

 

 

 

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