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Skandal im Klassenzimmer
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Skandal im Klassenzimmer

Hermann Trusheim
Ein Beitrag von

Hermann Trusheim,

Evangelischer Schulpfarrer, Hanau
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Wahrscheinlich merke ich es nicht jedes Mal, wenn ich als Lehrer vor einer Klasse stehe. Aber wenn die Hand des Schülers sich auffällig mit dem Stift neben dem Blatt bewegt, dann schaue ich genau hin. ‚Narrenhände beschmieren Tisch und Wände‘ – das Sprichwort ist so alt wie die Schule.

Meist sind es harmlose Graffiti - so heißt das Fachwort - die da hinterlassen werden. Ich habe als Schüler auch schon meine Initialen auf meinen Tisch geschrieben. So was lässt sich im Fall des Erwischt-werdens mit einer Ermahnung und reichlich Spülmittel entfernen.

Aber dann gibt’s noch die anderen Worte und Zeichnungen. Die sind nicht nur Schmierereien, die graben sich tief in die Seele ein. Da wird ein Mitschüler verspottet und beleidigt. Üble Sprüche, Gemeinheiten, die hängen bleiben.

So eine Verhöhnung eines Mitschülers wurde in einem Raum des antiken Kaiserpalastes in Rom gefunden. Der Raum wird ‚Pädagogikum‘ genannt – Klassenzimmer. Da hat vor fast 2.000 Jahren ein Schüler mit seinem Metallgriffel ein Bild in die Wand geritzt und etwas dazu geschrieben.

Man erkennt einen Esel, der an einem Kreuz hängt. Vor dem gekreuzigten Esel erhebt ein Junge in Ehrerbietung seine Hand. Die Zeichnung ist ungelenk, ebenso die Buchstaben der Worte, die die Zeichnung erklären sollen. Es musste wohl schnell gehen. Ein Schreibfehler hat sich auch erhalten, schon immer galt: Hauptsache, die Verhöhnung kommt an.

Und das tut sie, noch nach so langer Zeit: ‚Anaxamenos betet seinen Gott an.‘ Das steht da. Das sitzt. Das tut weh. Anaxamenos tut mir heute noch leid.

Er gehörte wohl zur ersten Christengemeinde in Rom. Die Christen waren dem Spott der ganzen Gesellschaft ausgesetzt, weil sie einen Gekreuzigten als Gott anbeteten.

Kreuzigung war in der Welt der Antike ein öffentlicher Skandal. Nur Tempelschänder, Deserteure, Sklaven und Terroristen durften so hingerichtet werden. Eine Machtdemonstration der Obrigkeit zur Abschreckung. Dem Spott und Hohn der Gaffer ausgesetzt. Wer am Kreuz sterben musste, dessen Leben war nichts wert, der sollte vergessen werden, der war ein ohnmächtiges, ein sinnloses Opfer.

Nur ein Esel lässt sich aufs Kreuz legen, Sinnbild der Dummheit eines ohnmächtigen Opfers. Ein noch viel größerer Esel ist der, der einen gekreuzigten Esel auch noch anbetet, für einen Gott hält.
Wie hat Anaxamenos wohl reagiert?

‚… wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit‘. Vielleicht hat Anaxamenos diese Worte des Apostel Paulus aus dessen ersten Brief an die Korinther gekannt.

Für die frommen Juden ist ein Gekreuzigter ein von Gott Verfluchter, für die gebildeten Griechen eine Dummheit. Ein Gekreuzigter passt nicht in die Vorstellung eines allmächtigen Gottes, er lässt sich nicht mit philosophischen Vorstellungen von Vernunft vereinbaren.

Wie kann ein Gekreuzigter der Christus sein? Warum geht Gott ans Kreuz? Warum macht er sich zum ohnmächtigen Opfer, lässt sich verspotten?

Das lässt sich mit Vernunft nicht erklären. Das lässt sonst kein Gott mit sich machen. Ein Gekreuzigter Gott durchkreuzt gängige Vorstellungen. Sind seine Anhänger nicht ebenso lächerlich wie er?

Ich hätte gern mit Anaxamenos darüber gesprochen. Ihn gefragt, wie es ihm in seiner Welt mit diesem Spott erging.

Ich weiß nicht, was mir Anaxamenos geantwortet hätte. Aber ich weiß, dass in seiner Welt Opfer sehr wichtig waren. Mächtige Götter verlangten Opfer, der Kaiser ließ sich mit Opfern wie ein Gott verehren. Die Menschen suchten sich über möglichst große Opfer der Gunst der Götter zu bemächtigen: Für persönliches Glück und Wohlergehen, für Erfolg.

Jesus hatte sich gegen diese Welt der Macht und der Mächtigen aufgelehnt. Er hatte Gottes Reich in Wort und Tat verkündet. Gottes Reich, in dem andere Werte gelten: Nicht Macht, sondern Liebe. Nicht herrschen, sondern helfen. Nicht verdammen, sondern versöhnen.

Mit seiner Kreuzigung scheint er gescheitert. Sein Leben endet im öffentlichen Skandal. Scheitert die Liebe an der Macht?

Christen beten einen Gekreuzigten an. Esel, die einen Esel am Kreuz als Gott verehren - Esel haben Geduld, sind stur.

Jesus bleibt bei seiner Liebe. Das fällt ihm selbst nicht leicht. Da wird alles von ihm verlangt.

Wäre es  nicht leichter, Macht zu demonstrieren? ‚Steige herab von deinem Kreuz‘ – wird er aufgefordert. Aber die Macht der Liebe zeigt sich in der Ohnmacht. Sie zeigt sich in der Konsequenz. In der Hingabe bis zuletzt. 

Das Motiv hinter dem Opfer macht den Unterschied. Geht es um Liebe oder um Macht? Mit seinem Tod am Kreuz durchkreuzt Jesus die Vorstellungen eines mächtigen Gottes und von Menschen, die sich über Opfer Macht verschaffen wollen.

Für meinen Glauben gilt: Ich brauche nicht mehr zu opfern, Gott hat schon alles für mich gegeben. Das befreit zur Liebe.

So haben sich die Christen in der Antike von den anderen Religionen unterschieden – sie opferten nicht mehr, sie liebten, so gut sie konnten.

Ob Anaxamenos den noch lieben konnte, der ihn so verspottet hat? Erstmal wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht hat ihn der Spott tiefer in seinen Glauben geführt. Ihn sogar darin bestärkt, statt auf Macht, auf Hingabe zu vertrauen, auch wenn das andere lächerlich finden.

Es ist eine sperrige Vorstellung – Hingabe, Liebe bis zum Tod. Und doch berührt sie bis heute: Ich hatte Tränen in den Augen, als am Ende des Titanic-Films Jake für seine Geliebte Rose das rettende Floß in die eiskalten Fluten verlässt, damit sie überlebt. Meine Kinder waren beim Lesen des Romans Harry Potter davon beeindruckt, wie sich seine Mutter für Harry opfert.

Ich glaube: In der Ohnmacht am Kreuz zeigt sich die Macht der Liebe. Sie ist stärker als alle Macht der Welt, auch stärker als die Macht des Todes. Sie wird sogar durch das Kreuz zum Leben kommen.

Und was hilft mir dieser Glaube in meinem Leben?

Das wünsche ich mir für mich: Dass ich unterscheiden lerne, wenn es um Opfer geht. Es gibt sie noch immer, die Verbindung von Opfer und Macht – Opfer von Ungerechtigkeit, Gewalt und Kriegen. Opfer für die Karriere, manchmal höre ich nicht nur von Jugendlichen den Spott ‚Du Opfer‘. Dagegen werde ich einschreiten mit allem, was ich kann, im Namen der Liebe. Ich will Stellung beziehen in Wort und Tat, wie ich es vermag. Nicht schweigen, sondern reden. Hilfe rufen, helfen, wenn ich selbst es kann.

Es gibt die anderen Opfer, aus Hingabe: Angehörige werden aufopfernd gepflegt, Menschen opfern ihre Freizeit in ehrenamtlicher Tätigkeit, bringen persönliche Opfer dar im Einsatz für andere. Das möchte ich würdigen und gewürdigt sehen, aber auch einschreiten, bevor es zur Selbstaufopferung kommt, bei mir und anderen.

Karfreitag heißt auch: Gott hat schon alles gegeben, das wird von mir nicht verlangt.

Diesen Gott, der sich für mich zum Skandal machen lässt, bete ich an, genauso wie Anaxamenos. Gut, dass sich so ein Graffiti über die Jahrtausende im Klassenzimmer erhält. Darüber würde sich Anaxamenos heute vielleicht sogar freuen.

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