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Sehnsucht

Sehnsucht

Eva Reuter
Ein Beitrag von Eva Reuter, Katholische Dekanatsreferentin, Dekanat Mainz-Stadt, Mainz
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Auf der nachtblauen Postkarte ist ein kleiner Lichtpunkt im oberen Drittel, und unten steht dick und rot ein einziges Wort: Bald. – „Bald“, dieses Wort weckt Hoffnung, es lässt hoffen, dass ich nicht mehr lange warten muss. Meine Oma hat damit oft auf meine ungeduldige Kinder-Frage im Advent geantwortet: Wann kommt das Christkind? - Bald!

Keine andere Zeit ist so geprägt vom Warten wie der Advent, und es gab wohl kaum ein Jahr, in dem so viele Menschen voller Sehnsucht auf Erlösung gewartet haben wie in diesem Corona-Jahr. Manche warten auf Heilung oder Genesung, manche warten auf das Ende der existentiellen Sorgen. Und viele warten auf den Impfstoff und hoffen inständig auf das Ende der Kontaktbeschränkungen und der anderen Einschränkungen durch die Pandemie.

Da bekomme ich diese Postkarte. Bald! – Und ich spüre die Sehnsucht in mir: Meine ganz persönliche Sehnsucht, dass Weihnachten kommt und mit ihm die Hoffnung. Auf der Postkarte ist im nachtblauen Himmel ein Stern abgebildet: Nicht sehr groß, aber gut sichtbar und mit Schweif. Er erinnert mich daran, was in der alten Verheißung des Propheten Jesaja aus der Bibel steht: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf.“ (Jesaja 9,1). Diese Zeilen werden jedes Jahr im katholischen Gottesdienst in der Heiligen Nacht gelesen. Sie werden auch dieses Jahr gelesen werden und von der Hoffnung erzählen, die sich für mich als Christin in der Geburt Jesu erfüllt hat.

Der Hintergrund der Postkarte ist nachtblau – nicht schwarz, nicht trostlos, aber dunkel. In diesem Jahr gibt es mehr Dunkelheit: Viele Veranstaltungen mit toller Beleuchtung sind abgesagt, und viele Menschen sind bedrückt.

Dieser Advent ist stiller als in anderen Jahren. Weniger Weihnachtsmarkt und weniger „Kling Glöckchen klingelingeling“. Vielleicht ist deshalb für mich die Sehnsucht dieses Jahr stärker zu spüren – das Warten auf die Ankunft der Rettung.

Advent bedeutet Ankunft – Christinnen und Christen warten auf die Ankunft des Gottessohnes. Wir warten darauf, dass Gott als Mensch zu uns kommt und uns so ganz nah kommt. Und er kam damals ja nicht auf einem Weihnachtsmarkt zur Welt und fuhr auch nicht in einer Rentier-Kutsche. Er kam in einem dunklen Stall zur Welt, mitten in der Nacht – aber ein Stern strahlte am Himmel und verbreitete Hoffnung, dass bald alles gut wird. Bald ist die Rettung da!

Bald – das ist schon auch ziemlich unkonkret. Es klingt auch ein bisschen nach Vertröstung. Und wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, hat es von Omas Antwort „Bald“ bis zum Heiligabend und der Bescherung noch ziemlich lange gedauert. Aber vielleicht lag das damals wie heute nur an meiner Ungeduld und an meiner Sehnsucht. So wie ich mich damals nach dem Kerzenlicht des Weihnachtsbaums und den Geschenken gesehnt habe, so sehne ich mich dieses Jahr nach der Gegenwart lieber Menschen, die ich so gerne umarmen möchte und deren Anwesenheit verboten ist.

Und gerade deshalb bleibt die Verheißung: Bald! Bald wird es hell in meinem Leben: Erst ein bisschen durch die Hoffnung. Sie wird in diesem Jahr gestützt durch gute Nachrichten und kleine Gesten der Aufmerksamkeit von Nachbarn, Freunden und Kollegen. Sie wird genährt von den Fortschritten der Medizin und Hoffnung auf Impfung. Und letztlich wird sie getragen vom Vertrauen in Gott: Gott hält auch in der größten Finsternis ein Licht für mich bereit. Denn ich glaube daran, dass sich in Jesus Christus die Verheißung des Jesaja schon erfüllt hat: „Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.“ (Jesaja 9,5) oder wie es im Weihnachtslied „Stille Nacht“ heißt: „Christ der Retter ist da!“ – Und das schon jetzt und seit 2000 Jahren.

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