Ihr Suchbegriff
Schafe hüten
Bildquelle Pixabay

Schafe hüten

Christoph Wildfang
Ein Beitrag von

Christoph Wildfang,

Evangelischer Pfarrer, Arnoldshain

Ein alter Schäfer ist gestorben. Nach der Beerdigung treffen wir uns im Gemeindezentrum zum Flennes. So heißt der Beerdigungskaffee hier. Familie hatte er nicht. Viele ältere Männer sind da. Ein größerer Bauer richtet den Flennes aus. Es gibt den traditionellen trockenen Streuselkuchen und Reihenweck.

Einige alte Schäfer sind da. Ich setze mich zu einer Gruppe, wo eben grad Platz ist. Die Schäfer erzählen ein bisschen von ihrem Kollegen. Wie er die Hunde ausgebildet hat. Was es für Hunde waren. Wie es früher war mit der großen Herde. Über das Alleinsein. Schnupftabak kreist rum.

Ungefragt erzählt der eine ältere Schäfer, während er schnupft und schnupft von seinem Glauben. In die Kirche ging er wenig. Die Schafe, Sie wissen schon, sagt er. Die kann ich ja nicht allein lassen. Er rezitiert auswendig ein Gebet aus der Bibel: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ (Psalm 23) Der Schäfer betet diese alten Worte aus der Bibel weiter, auch die Stelle, wo es um das finstere Tal geht. Der alte Schafhirte kennt sich aus mit finsteren Tälern. Mit Gewittern, Abgründen, gefährlichen Wegen. Auch die anderen alten Männer nicken. Und schnupfen.

Schnupftabak hängt unter den Nasen oder im Bart. „Du bist bei mir,“ so geht es weiter in dem Psalm. Ja, das kennen sie. Sie sind ihr Leben lang fast nur draußen gewesen, oft nur Hunde als Begleiter. Und eben viele viele Schafe. Der Psalm, der von Gott als Hirten erzählt, beleuchtet auch die dunklen Seiten des Lebens. Manchmal wirft das Leid seine Schatten voraus. Nicht immer werden wir verschont. Und trotzdem. Das haben die Schäfer erlebt: wir bleiben nicht im Leid stecken.

„Du bist bei mir,“ heißt es. Gott ganz nahe. Eben „du“. Auch wenn die Wege schwierig sind, am Ende bin ich bei Gott geborgen. Ich bin nicht verloren. Ich gehe nicht verloren. Daran glaube ich. Einer hält mir den Schnupftabak hin. Ich ziehe ihn ein und muss zig Mal niesen. Die Schäfer grinsen und schnupfen weiter.

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren