Paradies-Oskars Konsequenz
Bildquelle Pixabay

Paradies-Oskars Konsequenz

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Sie würde um diese Zeit am Morgen wohl im Bett liegen und schreiben. Seite um Seite auf einem Stenogrammblock. Selbst heute, an ihren Geburtstag. Astrid Lindgren, eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen, wäre heute 110 Jahre alt geworden,

Pippi Langstrumpf hat sie im Bett geschrieben und dann folgten all die Geschichten von starken, kantig-herzlichen Figuren, die meine Kindheit und die meiner Kinder in phantasievolle Farben getaucht haben: Michel aus Lönneberga, Ronja Räubertochter, Mio, Kalle und Karlsson vom Dach.

Mein Lieblingsbuch von Astrid Lindgren ist „Rasmus und der Landstreicher“ und das liegt nicht daran, dass ich, wie der Waisenjunge Rasmus, glatte blonde Haare habe. Ich mag diese Geschichte besonders, weil sie auch von etwas erzählt, das mir als Vater und als Lehrer wichtig geworden ist. Sie erzählt von der Konsequenz. Auch gegenüber denen, die man besonders gerne hat, ist es gut, konsequent zu dem zu stehen, was einem wichtig ist.

Rasmus, neun Jahre, ist mit einem gestohlenen Zwieback aus dem Waisenhaus abgehauen. Weil die Leute dort immer nur Mädchen mit Locken als Adoptivkind aussuchen, will er sich selbst Eltern suchen. In einer Scheune trifft er Paradies-Oscar, einen Landstreicher. Wenigstens vorerst will Rasmus mit ihm auf die Walz, sicher auch, weil Paradies-Oscar mit Milch, Butterbrot und geräuchertem Schweinebauch bestens ausgestattet ist.

Oscar schaut sich Rasmus genau an. „Du bist doch nicht einer, der lange Finger macht?“, versichert er sich. Rasmus denkt an den Zwieback und sagt schuldbewusst: „Doch“. „Dann kannsde nicht mein Kumpel werden“, sagt Oscar. „Klaut man, wenn man auf der Walz ist, dann ist es zappenduster … Ne, dann kann ich dich nicht als Kumpel mitnehmen.“ „Guter, guter Oscar …“ quengelt Rasmus, aber da kennt Paradies-Oscar keine Kompromisse. Wer klaut, kann nicht sein Kumpel sein. Da ist er konsequent. Erst dann stellt sich heraus, dass ein in der Not eingesteckter Zwieback auch für Oscar nicht als Diebstahl zählt.

Manchmal bin ich als Vater und Lehrer bewusst eher meinem Verstand als meinem Herzen gefolgt und habe ganz konsequent auf dem bestanden, was mir wichtig war. Dass mich die Kinder dann nicht mehr lieben, hab ich befürchtet, aber das Gegenteil war der Fall. Das hat mich Paradies-Oscar gelehrt: Konsequenz, zu seinen Werten stehen, das ist für die Erziehung ein Segen.

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren