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Die Macht am Schreibtisch
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Die Macht am Schreibtisch

Simone Twents
Ein Beitrag von

Simone Twents,

Referentin für Glaubenskommunikation und Pastorale Innovation, Fulda
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„Beneide den Gewalttätigen nicht, wähle keinen seiner Wege.“ (Buch der Sprichwörter 3,31) - Dieses Wort aus der Bibel steht im Moment als Karte auf meinem Schreibtisch stehen. Ist Schreibtischarbeit so gewalttätig, dass es diese Ermahnung braucht? In gewisser Weise ja.
Den Weg des Gewalttätigen zu wählen bedeutet für mich, etwas an mich zu reißen, weil ich es für mein eigenes Selbstwertgefühl brauche. Das geht auch prima am Schreibtisch, per E-Mail oder Telefon. Ich kann meine Macht dazu benutzen, andere Menschen klein zu machen, um mich größer zu fühlen. Der Antragsteller ist von meiner Beurteilung seines Falls abhängig. Die Entscheidung über dieses oder jenes Projekt geht auf keinen Fall an mir vorbei. Dieser oder jener Kollege darf auf keinen Fall über mich hinauswachsen.
Mich verlockt der Weg des Gewalttätigen, weil er mir ein vermeintliches Versprechen gibt: den Zuwachs von Größe und Selbstwert dadurch, dass ich meinen äußeren Bereich ausbaue. Als ob der Bereich, den ich beherrsche, ein Teil meines Selbst wäre und mich dadurch vergrößert, mich wichtiger und wirksamer macht.
Gleichzeitig weiß ich mit dem besseren Teil meines Selbst, dass das ein trügerisches Versprechen ist. Dass mein Wert nicht von meiner Leistung oder meinem Machtbereich abhängig ist.
„Beneide den Gewalttätigen nicht, wähle keinen seiner Wege - keinen.“ - Das Bibelwort auf meinem Schreibtisch rät mir, diese Wege konsequent zu meiden. Weil es nicht die Wahrheit über mich selbst ist. Weil ich als Mensch für die Liebe berufen bin. Ich bin dazu geschaffen, andere Menschen aufzubauen, zu fördern, um mich herum eine Atmosphäre von Freiheit und Wertschätzung zu kreieren. Das ist mein Sinn und mein Wert. Das macht mich größer. Anderen Raum zu geben, macht mich wirklich wirksam. Mich in Liebe in andere zu investieren, macht mich größer und reifer.
„Beneide den Gewalttätigen nicht, wähle keinen seiner Wege.“ - Warum liegt der Spruch auf meinem Schreibtisch? Weil ich meine Macht positiv nutzen möchte. Weil ich den Verlockungen des An-Mich-Reißens widerstehen möchte. Weil ich mich daran erinnern möchte, wer ich sein will, wenn es im alltäglichen Nahkampf am Schreibtisch ganz konkret wird.

 

 

 

 

 

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