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Der Tag des Punktes
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Der Tag des Punktes

Andrea Weitzel
Ein Beitrag von

Andrea Weitzel,

Katholische Schulseelsorgerin und Religionslehrerin, Hanau
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Heute ist der „Internationale Tag des Punktes“! Der amerikanische Lehrer Terry Shay hat ihn vor neun Jahren im Rahmen seines Unterrichtes in die Welt gerufen. Bisher gehört er nicht zu den allgemein bekannteren Tagen solcher Art. Aber neugierig macht es mich schon: Was verbirgt sich also hinter diesem „Tag des Punktes“? Ich finde heraus, dass diese Idee auf ein Kinderbuch zurückgeht. Dieses lädt ein, ausgehend von einem kleinen Punkt, der eigenen Kreativität auf die Spur zu kommen. Daher richtet sich der „Tag des Punktes“ zwar zuerst an Lehrerinnen und Lehrer, aber darüber hinaus ist jeder Mensch angesprochen. Denn es geht darum, die eigenen schöpferischen und geistreichen Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen. Also Papier, Farben, Stifte raus und losgelegt!? Das wäre eine Möglichkeit in diesem Sinne!
Wenn ich meinen GEDANKEN freie Bahn lasse und sie rund um den „Punkt“ kreisen, dann bleibe ich immer wieder am „Zeit-PUNKT“ hängen. Die Bibel kennt drei unterschiedliche Zeitbegriffe. Zuerst ist das die eigene Lebenszeit, die ständig vergeht. Die Zeit, die ich nur zu gern einmal anhalten würde. Doch alle Zeit fließt hin zur Ewigkeit, dem nächsten Zeitbegriff. Einer, der meine Vorstellungskraft gleichermaßen übersteigen lässt wie hoffen. Denn die Hoffnung auf die Erfüllung der eigenen Lebenszeit drückt das Christentum mit dem Glauben an das „Ewige Leben“ aus.
Schließlich gibt es noch jenen besonderen „Zeit-PUNKT“. In der Bibel meint es genau den einen Moment, in dem sich eine besondere Möglichkeit zeigt. Den Zeitpunkt, den der Mensch nicht selbst herbeiführen kann, sondern den Gott schenkt. Den Zeitpunkt, den der Mensch dann erkennen und nutzen kann – oder einfach verstreichen lässt und verpasst.

Sicherlich ruft dieser „Zeit-PUNKT“ ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Ich persönlich empfinde etwas daran einfach wunderbar: Ich darf darauf vertrauen, dass ein solches Gottesgeschenk mir immer wieder einmal zufällt. Natürlich entbindet es mich nicht davon, mein Leben im Lauf der Zeit in die Hand zu nehmen. So nicht! Aber es besteht die Gewissheit, sie kommen immer wieder, diese besonderen Momente, in denen sich plötzlich etwas Ungeahntes ergibt: Ein neuer Mensch tritt in mein Leben. Es eröffnet sich eine berufliche Chance. Oder manchmal ist es einfach ein Geistesblitz oder ein gutes Buch oder ein Lied. Irgendwo auf der Straße höre ich eine Melodie und erinnere mich plötzlich an etwas Schönes, das ich längst vergessen hatte. Und dann kommt mein Moment, in dem ich zur Entscheidung herausgefordert bin: Bleibe ich stehen, lausche ich der Musik und genieße die Erinnerung, die mich durchaus für die nächsten Stunden stärken kann? Oder lasse ich mich vom alltäglichen Zeitdruck direkt weitertreiben!? Ergreife ich die Möglichkeit beim Schopfe, oder lasse ich diesen Moment ungenutzt vorbeiziehen!? Ganz so wie bei dem griechischen Gott Kairos, dessen Haar sich nur von vorn greifen lässt. Ist er vorbeigeeilt, lässt sich sein kahlgeschorener Hinterkopf nicht mehr packen. Daher gibt dieser Gott Kairos dem kurzen Moment, dem richtigen Zeitpunkt, seinen Namen. Dies sind also die Momente, in denen ich ein Stück aus der Zeit herausfallen kann. In denen sich mir Möglichkeiten ergeben, die mich über mich hinauswachsen lassen. In denen meine Kreativität zutiefst angesprochen ist. In diesem Sinne kann es ruhig mehr als nur einen „Tag des Punktes“ im Jahr für mich geben. Punkt. Ende. Aus…
…nun ja, zumindest bis zu meinem nächsten Zeit-PUNKT.

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