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Zweifel - der Bruder des Glaubens

Zweifel - der Bruder des Glaubens

Prof. Dieter Wagner
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Prof. Dieter Wagner,

Oberschulrat i. K. i. R., Künzell
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Je älter ich werde, umso häufiger frage ich mich: Ist das, was ich glaube, wirklich wahr? Glaube ich es als die Wahrheit meines Lebens? Und dann kommen mir erhebliche Zweifel an meinem Glauben und wie ich ihn lebe. Nicht selten bleibt ein schlechtes Gewissen.
Wie hat meine wirklich lebensfromme Großmutter formuliert? Wenn jemand zu oft zweifelt, ist das ein Zeichen seines schwachen Glaubens. Verstärkt wurde dieser Gedanke im Religionsunterricht und in der Sakramentenvorbereitung meiner Kindheit und Jugendzeit.
Es war wohl während meines Studiums, als mir ein theologischer Hochschullehrer verdeutlichte: Glauben ist nur in Freiheit möglich. Und weil dies so ist, kann man sich seines Glaubens nie ganz sicher sein. Immer bleibt Ungewissheit. Daher bleibt der Glaube stets ein Wagnis.
Was für ein Reichtum ist mein Glaube mit wunderbaren Texten und Liedern, mit alten und neuen Kirchenbauten, mit traditioneller und moderner Kunst, mit Menschen und vielen Gesprächen. Manchmal holt der Glaube den Himmel auf die Erde. Muss ich wieder einmal mehr erkennen: Mein Glaube ist kein Fels in der Brandung, der allen Stürmen des Lebens standhält. Vielmehr ist mein Glaube mal stark und mal schwach.
Trotz dieser Gewissheit fällt es mir nicht leicht, meine Zweifel zuzulassen. Wenn es mal gelingt, dann mache ich die erstaunliche Erfahrung, dass ich offen werde für Neues und Unerwartetes; dass ich sogar Fehlformen meines eigenen Glaubens erkenne, die mich von der Wirklichkeit meines Alltags entfremden. Nicht zuletzt erlauben mir Zweifel, Wahres von Unwahrem, gutes von falschem Leben, Glauben vom Aberglauben zu unterscheiden.
Und noch eine ganz andere Erfahrung durfte ich machen: Wenn es mir gelingt, meine Zweifel zuzulassen, nehme ich so manche Anfrage ernst von anderen, von Andersgläubigen oder von jenen, die nicht glauben beziehungsweise nicht glauben können. Dann erscheinen mir meine Zweifel nicht sinnlos, sondern sinnvoll.
Theologen sagen: Der Zweifel ist der Bruder des Glaubens. Ich denke, das stimmt. Darum gab es unter den Jüngern Jesu nicht nur Petrus, den Felsen, sondern auch Thomas, den Zweifler.
Bin ich also eher ein „ungläubiger Thomas“ oder ein „starker Petrus“? Ich denke: In mir steckt beides. Das hat vielleicht auch mit meiner Lebenserfahrung tun.

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