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Zwei Hände zum Beten
Pixabay/Sabine van Erp

Zwei Hände zum Beten

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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Die alte Frau weiß, wie es um sie steht. Richtig ernst. Der Arzt hat sie vor der Operation genauestens über alle Risiken aufgeklärt. Sie sagt zu ihm: „Wissen Sie, Sie machen mir keine Angst, ich habe ja zwei Hände, ich kann beten.“Die Frau, an die ich denke, ist dann doch gestorben. Einige Wochen nach der Operation. Mit 80 Jahren.

„Geh doch mal zur Martha, die weiß bestimmt einen Rat"

Hier im Ort war sie eine echte Größe. Ihr Wort hatte Gewicht. Rechtschaffen, diszipliniert, hilfsbereit. So war sie. Viele haben sie genau deswegen bewundert: „Geh doch mal zur Martha, die weiß bestimmt einen Rat. Die kann dir helfen.“

Ihr Glaube war tief und fest

Ich habe sie noch aus einem anderen Grund bewundert. Um ihres Glaubens willen. Sie glaubte tief und fest. War ihrem Gott für so vieles dankbar. Vielleicht gerade deshalb, weil sie in der Nachkriegszeit viele Entbehrungen erfahren hat. Harte Arbeit, immer wieder Arbeit, und aus Wenig etwas Gutes machen, nichts wegwerfen, das war ihre Devise.

Sie gönnte sich nicht viel. Viele Bücher liegen ungelesen auf ihrem Nachttisch. Manchmal hat sie Karten gestaltet mit hübschen Blumen und Ranken und Gedichten. Und Tische konnte sie dekorieren wie keine andere.

Sie wusste, wann es Zeit ist zu beten.

Sie kannte viel Arbeit und Disziplin. Und doch hatte sie ein tiefes Wissen. Sie wusste, wann es Zeit ist, die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun. Nichts mehr tun zu können und sich Gott anzuvertrauen. Sie wusste, wann es Zeit ist zu beten.

„Gott empfängt sie jetzt am Himmelstor"

Ich stelle mir vor: Mein Gott empfängt sie jetzt am Himmelstor. Er empfängt sie und bedient sie mit einem Kaffee. Sie darf Platz nehmen in einem gemütlichen Ohrensessel, neben ihr ein Stapel von Büchern. Alle Bücher, die sie früher gern lesen wollte: Jetzt hat sie Zeit dafür.

Sie hatte ja diese Ader fürs Zeichnen und Malen. Diese künstlerische Ader. Vielleicht darf sie jetzt im Himmel mehr Raum bekommen. Vielleicht stehen neben dem Sessel eine Staffelei und ein Malkasten. Oder sie darf die Tische schmücken für die gemeinsamen Mahlzeiten da oben. Wer weiß.

„Ich habe ja zwei Hände, die kann ich falten, ich kann beten.“

Ich werde jedenfalls noch oft an sie denken. Und an das, was sie gesagt hat, als sie selbst ihr Leben nicht mehr in der Hand hatte: „Ich habe ja zwei Hände, die kann ich falten, ich kann beten.“

Das wünsche ich mir auch für mich: eines Tages gelassen dem Tod ins Auge blicken, die Hände in den Schoß legen, Mühe und Sorgen loslassen können und wissen: Gott ist bei mir. Er wird es wohl machen.

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