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Vergeben ist verdammt schwer
Pixabay/Tumisu

Vergeben ist verdammt schwer

Ein Beitrag von

Mirjam Jekel,

Evangelische Theologin, Rüsselsheim
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Der Pfarrer steht vor Annas Tür. Er hat einen Brief in der Hand, von Annas Ehemann. Die beiden leben getrennt. "Ihr Mann hat mir diesen Brief gegeben", sagt er. "Ich dachte, dass er vielleicht ein bisschen Versöhnung stiften kann."

Wie kann der es wagen, von Versöhnung zu reden?

Ein bisschen Versöhnung. Anna wird ganz kalt. Wie kann der Pfarrer es wagen, von Versöhnung zu reden? Als wäre das, was sie in den letzten Jahren ausgehalten hat, gar nicht so schlimm. Ein bisschen Versöhnung, das reicht nicht.

Anna ist vor drei Monaten ausgezogen, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat bei ihrem Mann. Nils hat sie nie geschlagen, das nicht – aber er hat sie runtergemacht.

Sie wusste nie, woran sie bei ihm ist

Einmal hat sie im Garten zwei Pflanzen anders eingepflanzt, als er wollte. Er hat rumgeschrien und alle Pflanzen wieder herausgerissen. Ein anderes Mal hat er nur gelacht, als ihr eine Vase heruntergefallen war.

Nie wusste sie, woran sie bei ihm war. Irgendwann hat sie es nicht mehr ausgehalten. Als er auf Dienstreise war, ist sie ausgezogen. Seitdem hat sie jeden Kontakt vermieden – nicht leicht in ihrer kleinen Stadt.

Und vergib uns unsere Schuld

Und jetzt steht der Pfarrer vor der Tür. Anna fragt sich: Will der Pfarrer, dass sie ihrem Mann vergibt, weil das doch christlich ist? Schließlich steht im Vaterunser: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."

Aber so einfach ist das nicht. Anna braucht Zeit, um zu verarbeiten, was mit ihr passiert ist. Sie muss erstmal wieder rausfinden, wer sie ist ohne ihren Mann. Sie wird sehen, ob sie die Kraft hat, sich gegen ihn zu behaupten.

Keine Zeit zu vergeben

Der Pfarrer an Annas Tür sagt vorsichtig: "Wenn ich zu voreilig war, tut mir das Leid. Vielleicht ist es noch zu früh für Versöhnung. Aber vielleicht mögen Sie den Brief Ihres Mannes annehmen. Lesen Sie ihn erst, wenn Sie das wollen."

Anna nimmt den Brief und legt ihn auf den Tisch. Was Nils wohl geschrieben hat? Ihr graut davor. Gleichzeitig hat sie einen Funken Hoffnung, er könnte etwas verstanden haben. Sie lässt den Brief ungeöffnet. Irgendwann wird sie ihn lesen, wahrscheinlich. Und wenn es für sie gut ist, wird sie über Vergebung nachdenken.

Wut loslassen

Denn irgendwann wird Vergebung ihr auch gut tun. Ihre Wut auf Nils hat ihr die Kraft gegeben auszuziehen. Aber diese Wut kann sich irgendwann gegen sie selbst richten.

Dann ist der Punkt gekommen, an dem es für sie selbst gut ist zu sagen: Ich vergebe dir. Damit sie die Wut loslassen kann. Und ganz vielleicht, wenn Nils an sich arbeitet – wenn er ernsthaft versucht zu verstehen, was damals passiert ist – dann können die zwei sich in Ruhe unterhalten.

Ja, Vergebung tut irgendwann gut. Aber bis dahin braucht es manchmal viel Zeit.

 

 

 

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