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Ora et labora
Bildquelle Pixabay

Ora et labora

Claudia Rudolff
Ein Beitrag von Claudia Rudolff, Rundfunkpfarrerin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel

Viele kennen das Bild von Albrecht Dürer “Die betenden Hände“. Nur zwei Hände sind darauf zu sehen, zusammengelegt und nach oben gehalten zum Gebet. Eine Wirtschaftszeitung hat einmal mit diesem Bild geworben. Unter der Abbildung der Radierung standen zwei Sätze.

Der eine lautete kurz und knapp: Beten hilft. Der andere lautete: Reicht aber nicht. Ich schmunzele, aber stimmt das so?

Ich denke an Jan. Jeden Morgen nimmt er sich zum Beten Zeit. Er dankt Gott für das, was schön ist in seinem Leben und erzählt auch von seinen Sorgen und Nöten. Gerade in diesen Monaten, betet er für seinen krebskranken Vater. Er bittet Gott, ihn zu heilen. Jan sagt: „Beim Beten kann ich Gott ungeschützt und ehrlich sagen, was mich im Innersten bewegt: Meine Wut, dass ausgerechnet mein Vater so krank ist. Auch, dass ich Angst habe, dass mein Vater noch mehr leiden muss. Alles, was mich belastet und traurig macht, sage ich Gott und bitte: Schenke uns noch viele Jahre miteinander. Gleichzeitig entlastet es mich, meinen Vater Gott.“

Nach dem Beten ist Jan ruhiger und fühlt sich für den Tag und seine Aufgaben gestärkt. Also stimmt der Spruch: „Beten hilft“. Dennoch muss auch Jan sich die provokante Frage gefallen lassen: Reicht es auch? „Nein“, sagt Jan zu meinem Erstaunen: „Er bete nicht, um sich aus der Verantwortung zu stehlen“. Er erzählt: „Weil ich meinen Vater sehr lieb habe, frage ich auch oft: Was kann ich für dich tun? oder überlege mir, was ich tun kann, um ihm die Zeit der Krankheit zu erleichtern?“

So freut sich mein Vater zum Beispiel, wenn ich mir Zeit nehme und ihn möglichst oft besuche. Ich begleite ihn zu den Untersuchungen und höre zu, wenn er über seine Sorgen spricht.

Jans Geschichte unterstreicht die Sätze unter der Radierung „Die betenden Hände“. Beides gehört zusammen: Beten und handeln oder wie die alte Mönchsregel lautet: Ora et labora - bete und arbeite.

Ich bete für jemanden und überlege dennoch, was ich für den anderen tun kann - wie Gottes Liebe und Beistand durch mich für einen anderen erfahrbar wird.

Dabei weiß ich doch: Letztlich liegt alles in Gottes Hand, mein Tun ist begrenzt. Das entlastet und motiviert dennoch das zu tun, was in meiner Macht steht. Wieder denke ich an Jan. Sein Vater ist inzwischen gestorben. Obwohl Jan Gott vertraut hat, hat er nicht so geholfen, wie er es sich gewünscht hat. Zunächst war Jan auf Gott wütend und von ihm enttäuscht. Auch das hat er ihm gesagt.

Heute ist Jan überzeugt: Gott hat mir geholfen, nach dem Tod des Vaters wieder Freude am Leben zu finden. Denn Freunde haben nicht nur für ihn gebetet, dass er den Verlust des Vaters verkraftet, sondern sie waren auch für ihn da. Sie haben ihn getröstet oder ihn eingeladen.

Beten hilft, das stimmt! Und das stimmt auch: Es reicht nicht. Ora et labora: Bete und handele!

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