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Müttertag statt Muttertag
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Müttertag statt Muttertag

Dr. Joachim Schmidt
Ein Beitrag von

Dr. Joachim Schmidt,

Evangelischer Pfarrer, Darmstadt

Heute vor 84 Jahren wurde er zum ersten Mal begangen, am 13. Mai 1923. Das war damals ein Sonntag, und aus den USA war eine Idee über den Großen Teich geschwappt. Der Blumenhandel soll hell begeistert gewesen sein und warb von da an alle Jahre wieder heftig für jenen Tag, der morgen wieder ansteht: Der Muttertag.

Wer sollte etwas dagegen haben? Mutter ist die Beste, und deshalb kennt der zweite Sonntag im Mai die Mütter nur in der Einzahl. Die Sache mit dem Blumenhandel ist geblieben, eine Menge anderer Branchen ist dazu gekommen, an vorderster Front die Süßwarenindustrie. Einmal im Jahr, so heißt es treuherzig, soll man der armen Mutter doch etwas Gutes tun. Aber bitte nur jeder einzeln.

So leid es mir tut: Der Muttertag ist kein Gemeinschaftserlebnis, er ist ein Einzelfall. Einmal im Jahr und einzeln für jede Mutter. Er hat manchmal etwas von augenzwinkernder Bestechung an sich. Natürlich ist es nicht schön, was viele Mütter das Jahr über erleben, aber da zeigt man sich dann an einem Dreihundertfünfundsechzigstel ein bisschen erkenntlich. So wie man eben mal ein Scheinchen über den Tresen schiebt, damit die Sache weiter läuft wie geschmiert.

Mütter haben keine Lobby, keine eigene Interessenvertretung, keine Gewerkschaft. Es gibt keine Hausfau-und-Mutter-Krankenkasse und keine -Rentenversicherung.

Ich fürchte, den Ruf der Frauen hat Eva verdorben – jene Frau am Anfang der Bibel, die auf den Rat der Schlange dem guten Adam den bösen Apfel reichte. Aber die theologische Forschung weiß seit langem: Männer haben diese Interpretation der biblischen Geschichte von Adam und Eva erdacht, um ihre eigene Herrschaft zu begründen und, bewusst oder unbewusst, den Frauen die Schuld am Bösen in der Welt in die Schuhe zu schieben.

Jahrtausende lang hat das Eindruck gemacht, besonders den Männern. Und es hat ihnen jede Menge Argumente geliefert, Frauen nicht als gleichwertig zu betrachten und sie auch so zu behandeln. Diese Tradition lebt – Gleichberechtigung hin oder her – auch bei uns immer noch weiter. Der unsägliche politische Hickhack um die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern in der Arbeitswelt ist nur ein Beispiel dafür, und auch die mangelnde rechtliche Absicherung von Müttern. In diese Reihe gehört für mich auch die idyllische Vereinzelung des Muttertags.

Dabei zeigen, abgesehen von der Sache mit Eva, viele Geschichten in der Bibel die Frauen ganz anders. Fast immer sind es Geschichten, in denen Frauen große seelische Stärke beweisen, Durchhaltevermögen zeigen, mit außergewöhnlichen Situationen fertig werden. Wenn man genau hinschaut, sind das klassische Rollen aller Mütter.

Vielleicht sollte man den Tag ja einfach umbenennen: Müttertag. Und ihn nicht als Tag der eilig gekauften Verlegenheits-Präsente oder Essens-Einladungen zu begehen, sondern auch mit einem nachdenklichen Gespräch von Frauen und Männern über die Erfahrungen der Mütter und eine gerechtere Rollenverteilung in der Zukunft.

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