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Mauern und Zäune - Gott schafft Weite
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Mauern und Zäune - Gott schafft Weite

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

In Deutschland gibt es seit 1989 keine Mauer mehr, keine Familien werden damit getrennt, keine Todesschützen, die auf Fliehende schießen. Inzwischen ist die Mauer für die Jüngeren eine Geschichte von „früher“. Die Berliner Mauer war in ihrer Form einzigartig – eben „die Mauer“.

Heute gehören Mauern und Zäune weltweit zum politischen Alltag. Zwischen der Türkei und Griechenland am Fluss Evros wird die Grenze zusätzlich durch einen hohen Zaun gesichert. In den USA soll eine Mauer an der Grenze zu Mexiko gebaut werden. In Israel und Palästina durchschneidet eine fast achthundert Kilometer lange Sperranlage das Land. Grenzzäune und Sperranlagen sind inzwischen ein eigener Wirtschaftszweig geworden, der gute Umsätze bringt.

Mauern und Zäune können schützen. Sie grenzen Räume ab. Sie markieren ein Drinnen und ein Draußen. Als Kind habe ich unseren Gartenzaun genau in diesem Sinne verstanden. Er markierte „meine“ Welt, er gab mir Sicherheit in einem umzäunten Garten – fast so wie im Paradies, dem umhegten Garten Gottes. Für die drinnen bieten Mauern und Zäune Schutz. Für die draußen markieren sie Grenze. Aber Mauern engen auch ein. Sie verhindern den Blick. Sie trennen Menschen. Im Laufe der letzten Jahre habe ich viele Grenzmauern und Zäune gesehen. Für mich ist klar geworden: An solchen Grenzen reiben Menschen sich wund. Etwa an den Zäunen, die die kleine spanische Enklave im Norden Marokkos umgibt. Kleine Stofffetzen hängen daran. Blutspuren erinnern an Menschen auf der Flucht nach Europa.

Steine und Stacheldraht schaffen Grenzmauern zwischen Ländern, die das Leben ganz handfest behindern. Es gibt natürlich auch Mauern in Herzen und Köpfen. Sie sind gebaut aus engherzige Urteile und voreilige Verurteilungen. Damit werden Menschen ausgegrenzt, täglich an vielen Orten. Oft sind diese Mauern nicht sichtbar oder nicht sofort erkennbar, aber sie grenzen ab und aus. Solche Mauern entstehen schnell aus dem Gefühl der Unsicherheit oder Angst heraus. Über den Familiennachzug von Flüchtlingen wird z.B. gesagt: Da ist ja gar nicht klar, wen die alles mitbringen! Damit wird indirekt Betrug unterstellt. Wie schwer es für Flüchtlinge ist, ohne ihre Familien und oft in großer Sorge um sie zu leben, kommt nicht mehr in den Blick.

Viele Psalmen der Bibel rufen Gott an: Schütze mich! Gib mir Rückhalt! Offenbar macht es das Herz weit, wenn sich ein Mensch in Gott geborgen fühlt Im Vertrauen auf seine Kraft, gewinnt er einen freien Blick. In Psalm 119 heißt es: Du machst mein Herz weit!“ Während Mauern den Blick verengen, führt Gottes Rückhalt in die Weite. Mit weitem Herzen nehmen wir in den Blick, wo Menschen zu Ausgrenzung und Gewalt erleben.

Ich bin überzeugt: Die Mauer in Berlin fiel auch deshalb, weil Menschen sich von Gottes Weitblick haben leiten lassen. Ich hoffe, das gilt auch für andere Mauern.
 

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