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Kann Gebet helfen?
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Kann Gebet helfen?

Ralf Schweinsberg
Ein Beitrag von

Ralf Schweinsberg,

Pastor der evangelisch-methodistischen Kirche in Gründau-Rothenbergen
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„Glauben Sie, dass Gebet helfen kann?“, fragt mich ein älteres Ehepaar an der Kirchentür. Ich bin mir nicht sicher, was die beiden wissen wollen. Darum frage ich: „Worum geht es Ihnen?“ Die Frau sagt: „Meinen Sie, meinem Mann kann Ihr Gebet helfen?“ Es ist klar: Hier ist es nicht mit einer schnellen Antwort getan. Irgendetwas bedrückt die beiden.

Das Ehepaar, beide Ende 60, kam seit ein paar Monaten in unsere Kirchengemeinde. Sie fühlten sich offensichtlich wohl bei uns. Und sie kamen immer zu dritt. Ihr Sohn, Mitte 30, hat das Downsyndrom. Ich mag die beiden, und ich mag ihren Sohn. Der kann manchmal sehr direkt sein. Was sich keiner traut auszusprechen, er sagt es laut heraus. Seinen Eltern war das manchmal ein bisschen unangenehm, aber die Leute in der Kirche haben gelächelt, wenn er wieder mal einen Spruch rausgehauen hat. Für das Ehepaar war es wichtig, dass sie ihren Sohn zu allen Veranstaltungen mitbringen konnten.

Eine Anweisung in der Bibel

Ein paar Tage nach dem kurzen Gespräch an der Kirchentür sahen wir uns wieder. Ich habe die drei besucht. Sehr schnell landeten wir bei der Frage nach dem Gebet. „Wissen Sie“, sagte die Frau, „es gibt doch in der Bibel diese Anweisung, was man tun soll, wenn man krank ist...“

Ein Gebet für den Kranken

Ich habe die beiden angeschaut. Sie sahen nicht krank aus. Was würde jetzt wohl kommen? „Im Jakobusbrief steht“, sagte die Frau weiter: „Wer von euch krank ist, soll die Ältesten der Gemeinde rufen, damit sie für ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Ihr vertrauensvolles Gebet wird den Kranken retten.“ – „Jaaa?“, habe ich geantwortet.

Der Krebs ist zurück

„Mein Mann hat Krebs“, platzte es aus ihr heraus, „vor Jahren haben sie ihm ein Stück Darm entfernt. Damals meinten die Ärzte, er sei geheilt. Aber jetzt haben sie einen Tumor auf seiner Lunge entdeckt...“

"Das vertrauensvolle Gebet wird den Kranken retten"

Ich sah die beiden mit großen Augen an. Sie hatten nicht gesagt, was sie von mir wollten, aber ich habe vermutet, was sie von mir erwarteten: Ich sollte für ihn beten, so wie es im Jakobusbrief steht. Damit er wieder gesund wird. Das „vertrauensvolle Gebet wird den Kranken retten“, so heißt es dort.

Natürlich kenne ich diese Bibelstelle, habe auch schon darüber gepredigt. Aber das war nur Theorie. Jetzt machten wir einen Termin aus für die kommende Woche. Wir wollten uns zu einem kleinen Gottesdienst treffen, bei ihnen im Haus, zu diesem „vertrauensvollen Gebet“. 

MUSIK

Kann Gebet wirklich helfen?

Kann Gebet wirklich helfen? Ganz konkret, bei einer Tumorerkrankung? Ein älteres Ehepaar meiner Kirchengemeinde hat mich das gefragt. Er war schwer an Krebs erkrankt. Die beiden haben mich als ihren Pastor gebeten, mit ihnen zu beten.

Natürlich bin ich davon überzeugt, dass Gebet helfen kann, sehr viel sogar. Aber ich habe Freunde und Bekannte, die an Krebs gestorben sind, obwohl sie viel gebetet haben.

Man kann Gebete nicht so einfach einsetzen, wie Medizin

So einfach ist das nicht: Beten – und dann wird alles gut. So funktioniert das nach meiner Erfahrung nicht. Ich muss an einen amerikanischen Spielfilm denken. Da legt  ein Prediger mit lauten Worten und großen Gesten den Menschen die Hände auf, betet und ist fest davon überzeugt, dass sie wieder gesund werden.
Das ist nicht mein Ding. Ich glaube nicht, dass man ein Gebet einfach so einsetzen kann wie eine Medizin. Also was kann ich für das Ehepaar tun? Wie kann ich mit ihnen beten?

Auf der Fahrt zu dem Ehepaar habe ich mir darüber das Hirn zermartert. Ich habe innerlich die Hände gefaltet und Gott gefragt: Was kann ich tun? Ich wollte sie nicht enttäuschen, aber ich konnte auch nicht so tun, als ob ein Gebet alle ihre Probleme löst.

"Ich hatte die beiden nie gefragt, was sie denn von Gott erwarten"

Auf einmal wurde mir klar: Ich hatte die beiden nie gefragt, was sie denn von Gott erwarten. Ich dachte immer, dass ich das weiß, aber ich hatte sie nicht gefragt.

Wenig später saßen wir alle um einen kleinen Tisch: das Ehepaar, ihr Sohn und ich. Zusammen lesen wir noch einmal die Bibelstelle aus dem Jakobusbrief: „Wer krank ist, rufe die Ältesten der Gemeinde, damit sie für ihn beten.“ Dann habe ich die beiden gefragt, was sie von Gott erbitten, was Gott für sie tun soll. Auf ihre Antwort war ich sehr gespannt.

MUSIK

Kann Gebet wirklich helfen? Auch wenn man Krebs hat?

Kann Gebet wirklich helfen? Auch wenn man Krebs hat? Gibt es nicht die vielen Menschen, die gebetet haben, aber Gott hat scheinbar nicht geholfen?

Nun saß ich mit dem Ehepaar aus meiner Gemeinde am Tisch. Er an Krebs erkrankt und sie wollen, dass ich mit ihnen bete. Ich dachte bis dahin, es geht ihnen um Heilung. Aber Gott sei Dank habe ich sie erst einmal gefragt: „Was wollen Sie, dass Gott für Sie tut?“

Gott um Zeit bitten, um wichtige Dinge erledigen zu können

Die Antwort auf meine Frage war ganz anders, als ich gedacht habe. Sie erklärten mir:  Ihr Sohn, der das Downsyndrom hat, lebt noch immer bei ihnen. Eigentlich hätte er schon lange in eine Wohngruppe wechseln können. Aber sie haben das immer versäumt, wollten sich lieber selbst um ihn kümmern. Der Mann sagt: „Ich bitte Gott, dass er uns noch Zeit schenkt, damit wir das miteinander regeln können. Ich will meine Frau nicht damit allein lassen. Ich will, dass wir gemeinsam einen guten Platz für unseren Sohn finden. Deshalb bitte ich Gott noch um etwas Zeit für uns.“

Beten heißt, sich Gott anvertrauen

Ich war in diesem Moment erst einmal erleichtert. Dieses Ehepaar erwartete keine Wunderheilung. Sie dachten nicht, einmal beten und Gott beseitigt all ihre Sorgen und Probleme. Es ging ihnen um etwas mehr Zeit, ihre Dinge zu regeln. Wir sprachen darüber, dass wir darum bitten können. Dass es trotzdem in Gottes Hand liegt. Dass es vielleicht auch noch ganz andere Wege gibt, die wir gerade noch nicht sehen, aber die sich auftun können. Beten heißt, sich Gott anvertrauen. Gottes Nähe spüren, was auch immer kommen mag.

So habe ich dann dem Mann meine Hände auf den Kopf gelegt und für ihn gebetet: „Gott, du weißt, wie sehr sich die Familie noch Zeit miteinander wünscht. Wir wissen: Unsere Zeit steht in deinen Händen. Lass ihn spüren, dass du, Gott, bei ihm und seiner Familie bist und dass du den Weg für ihn weißt.“

Fünf geschenkte Jahre

Inzwischen waren fünf Jahre vergangen. Es waren keine leichten Jahre für ihn gewesen. Mehrere Chemotherapien und Bestrahlungen hatte er über sich ergehen lassen müssen. Aber sie halfen, den Krebs in Schranken zu halten. Das Ehepaar hat die Zeit genutzt und gemeinsam nach einem Zuhause für ihren Sohn gesucht, wo er sich wohlfühlt.

Noch einen Urlaub in den Bergen

Eines Nachmittags, wir saßen in ihrem Wintergarten, erzählten sie mir begeistert von einem geplanten Urlaub. Ein paar Tage in den Bergen, auf die sie sich sehr freuten. Als ich mit ihm einen Moment alleine war, zeigte er mir einen kleinen Knoten hinter seinem Ohr. „Ein Gehirntumor“, erklärte er, „meine Frau weiß nichts davon. Wenn sie es wüsste, dann würden wir nicht mehr in die Berge fahren.“ Ich musste ihm versprechen, nichts davon zu sagen. Sie machten die Reise. Ein paar Tage danach kam er ins Krankenhaus, kurz danach verstarb er.

Gott für jeden Tag dankbar sein

„Wissen Sie, Herr Pastor“, meinte seine Frau später, „Gott hat ein Wunder an uns getan. Gott hat uns fünf Jahre geschenkt, eine wertvolle Zeit trotz der Krankheit und all den Therapien. Aber wir waren Gott für jeden Tag dankbar, den wir miteinander erleben durften, den Gott uns geschenkt hat. Und wir haben vertraut: Was auch kommt, Gott lässt uns nicht allein. Danke für Ihr Gebet!“

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