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Jedes Kind muss mal Liebling sein
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Jedes Kind muss mal Liebling sein

Andrea Seeger
Ein Beitrag von

Andrea Seeger,

Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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Lieblingsplatz, Lieblingsblume, Lieblingsfarbe - alles Begriffe, die eines ausdrücken: Dieser Mensch mag etwas ganz besonders – den Platz, die Blume, genau diese Farbe! Lieblingskinder gibt es auch. Das empfinden besonders Geschwister als ungerecht. „Der Timo darf viel mehr als ich, den habt ihr lieber“, lautet ein oft gehörter Vorwurf. Eltern betonen hingegen, dass sie alle Kinder gleich lieben. Das ist schwer nachzuprüfen, denn die Kategorie „Liebermögen“ entzieht sich rationalen Kriterien.

Eine amerikanische Soziologin hat Hunderte Mütter mit erwachsenen Kindern zu diesem Thema befragt. Dabei erfuhr die Wissenschaftlerin: Rund ein Drittel der Frauen hat ein Lieblingskind und schweigt darüber. Rund die Hälfte der befragten Mütter räumte ein, ein Lieblingskind zu haben und damit offen umzugehen.

Wie ist das bei mir? Von der Mutterposition aus gesehen kurz und knapp zusammengefasst: Ich liebe sie alle. Allerdings fühle ich mich mal mehr zu dem einen, mal mehr zu der anderen hingezogen. Und als Tochter? Meine Mutter hat meinen Bruder bevorzugt, finde ich, einfach, weil er ein Junge ist. Früher jedenfalls. In späteren Jahren war sie eher mir zugetan, vielleicht, weil wir uns in vielem sehr ähnlich waren. Ich empfand das nicht immer als positiv. Ein zu scharfer Blick, der sich auf einen richtet, kann unfrei machen. Forscher bestätigen das.

Lieblingskinder sind öfter depressiv, weil sie die hohen Erwartungen ihrer Eltern kaum erfüllen können. Auch in der Bibel lesen wir von bevorzugten Kindern. Jakob zum Beispiel liebt seinen Sohn Josef mehr als seine anderen Söhne und zeigt das auch. Die anderen sind eifersüchtig, werfen Josef in eine Grube und sagen dem Vater, ein wildes Tier hat ihn gefressen. Der Vater trauert eine Zeit und erklärt dann Benjamin, den Jüngsten, zum Lieblingssohn.

Ein extremer Fall, sicher. Aber auch, wenn wir bei uns im ganz normalen Alltag bleiben: Die meisten Mütter und  Väter haben ein Lieblingskind. Tröstlich ist, dass es je nach Entwicklungsphase ein anderes ist. Und meist hat der Vater ohnehin ein anderes Lieblingskind als die Mutter. So wie Kinder sich umgekehrt mal eher zur Mutter, mal zum Vater hingezogen  fühlen. So ist es nur gerecht, wenn in einer Familie jedes Kind mal Liebling sein muss.

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