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Fünf Minuten Himmel
Bild: RÜŞTÜ BOZKUŞ

Fünf Minuten Himmel

Sabine Kropf-Brandau
Ein Beitrag von

Sabine Kropf-Brandau,

Evangelische Pröpstin, Sprengel Hanau-Hersfeld
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Im vergangenen Jahr bin ich so viel gewandert, wie viele Jahre vorher nicht. Wandern war ja immer möglich und so waren mein Mann und ich oft unterwegs. Besonders gern erklimme ich die kleinen Berge rund um Bad Hersfeld. Ich bleibe dann oben immer erstmal eine kleine Weile stehen und genieße. Das kommt mir vor wie "Fünf Minuten Himmel". Nach etwas mühsamen Aufstieg werde ich belohnt mit einer herrlichen Aussicht und dem Gefühl, dem Himmel ein deutliches Stück näher gekommen zu sein.

"Fünf Minuten Himmel"- der Titel auch eines Tatort-Krimi

"Fünf Minuten Himmel"- so heißt aber tatsächlich ein Tatort-Krimi, den ich vor einiger Zeit gesehen habe. Abgesehen davon, dass ich sonntags gern Tatort gucke, hat mich bei diesem die Überschrift neugierig gemacht. "Fünf Minuten Himmel" Was sollte das bedeuten?

"Fünf Minuten Himmel" heißt im Tatort ein Würgespiel

Erschrocken habe ich erkannt, dass die Überschrift für ein Würgespiel steht. Bei diesem furchtbaren Spiel schnürt man sich selbst oder anderen für ein paar Minuten die Luft ab. Dadurch wird die Blutzufuhr zum Hirn unterbrochen und es entsteht zunächst eine Art Rausch oder Euphorie. Dann kommt es zur Ohnmacht. Immer mehr Jugendliche probieren das aus.

"Fünf Minuten Himmel" - kein harmloses Spiel

"Fünf Minuten Himmel" ist kein harmloses Spiel, sondern dabei spielt man mit seinem Leben. "Fünf Minuten Himmel" steht hier nicht für ein wunderbares Gefühl, sondern für die Suche nach dem Kick, den man augenscheinlich auf der Erde nicht findet.

Abgesehen davon, dass ich dieses "Spiel" ganz furchtbar finde, habe ich mir nach dem Tatort doch auch die Frage gestellt, warum der Himmel als Synonym für den Kick benutzt wird und wie verhalten sich Himmel und Erde zueinander?

Musik Play Bach – Jacques Loussier Trio, Aria Suite No. 3

Wie verhalten sich Himmel und Erde zueinander?

Wie verhalten sich Himmel und Erde zueinander? Diese Frage beschäftigte vielleicht auch die Jünger am Tag der Himmelfahrt Christi, an die wir uns heute erinnern. Wie ist das Verhältnis zwischen Himmel und Erde? Wie weit entfernt voneinander sind die beiden? Wie nah kommen sie sich? Bis Himmelfahrt war ja viel passiert.

Jüngerinnen und Jünger zwischen Ostern und Himmelfahrt

Die Jüngerinnen und Jüngern hatten da schon einiges hinter sich. Sie waren bitter enttäuscht und traurig, als man Jesus ans Kreuz nagelte. Alle Hoffnung, dass das Reich Gottes nun endlich anbricht, war dahin. Drei Tage später gehen sie zum Grab Jeus und stellen entsetzt fest: Es ist leer. Doch dann erfahren sie: Jesus ist auferstanden. Sie freuen sich von ganzem Herzen. Ostern - Der Sieg des Lebens über den Tod. Vierzig Tage konnten die Jünger Jesus dann nochmal ganz nah bei sich haben. Wie eine Galgenfrist kommt mir das vor. Sie haben wahrscheinlich jeden einzelnen Tag doppelt und dreifach so intensiv erlebt und versucht, sich jeden Augenblick einzuprägen. Sie haben sich jedes seiner Worte auf der Zunge zergehen lassen, um nur nichts zu vergessen. Sie wussten, dass er ihnen nicht für immer wiedergeschenkt war, und haben deshalb seine Gegenwart als besonders kostbar erlebt.

"Manchmal möchte ich auch nicht loslassen"

Mir geht das manchmal so, wenn meine Kinder aus ihren Studien- und Lebensorten zu Besuch sind. Ich möchte dann die Gegenwart festhalten, möchte jede Minute unendlich ausdehnen und sie nicht gehen lassen. Als sie noch im Alter von Jugendlichen waren, da hätte ich sie manchmal gern auf den Mond geschickt. Sie mich wahrscheinlich auch, aber das ändert sich. Und so ist trotz aller Versuche, Momente in Stunden zu verwandeln und sie in die Länge zu ziehen, irgendwann der Zeitpunkt des Abschieds gekommen. Ich stehe am Bahnsteig und winke mit dem Taschentuch. Ich wische mir verstohlen die Tränen aus den Augen – und den ersten Jüngern ging es wohl ganz ähnlich.

Musik Play Bach -  Jacques Loussier Trio,  Siciliano BWV 1031

Wie der Evangelist Lukas von Himmelfahrt erzählt

Der Evangelist Lukas erzählt in der Apostelgeschichte folgendermaßen von diesem Abschied: Jesus wurde zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und sie sahen ihm nach, wie er gen Himmel fuhr...(Apostelgeschichte 1,9+10)

Die Jünger stehen da, sie legen die Köpfe in den Nacken und blicken Jesushinterher. Mit ihren Augen wollen sie ihn festhalten, ihn am liebsten wiederzurückholen. Sie können ihn nicht gehen lassen. Der lange gefürchtete Abschied tutihnen unendlich weh.Aber in diesen wenigen Worten klingt trotzdem schon etwas an von einem Trost. Denn Jesus ist nicht einfach nur weg, mit dem Zug um die nächste Ecke gebraust, nein - eine Wolke nimmt ihn auf, und sie sehen, wie er gen Himmel fährt.

Wolke und Himmel-Umschreibungen für die Nähe Gottes

Wolke und Himmel, das sind Umschreibungen für die Nähe Gottes. Jesus ist nicht weg, sondern lebt nun in der Gegenwart Gottes. Er hat das Leben in Fülle, das pralle vollendete Leben bei Gott. Er ist bei seinem Vater, er ist zuhause.

Ich beneide die Jünger um diesen Blick in Richtung Himmel. Sie erleben einen heiligen Moment, einen heiligen Augen-Blick. Die Zeit bleibt stehen und lässt sich nicht mehr in Stunden und Minuten messen. Die Jünger erleben ein Stück Ekstase, etwas Herausgehobenes und völlig Verrücktes.

"Fünf Minuten Himmel" erleben auch die JüngerInnen

"Fünf Minuten Himmel" Die Suche nach dem Kick. Ist es das, was die Jugendlichen heute sich wünschen und auf solch gefährliche Art und Weise suchen? Die Jünger erleben das tatsächlich so. Denn schon beim Lesen dieser Zeilen spüre ich etwas davon, wie kostbar diese Augenblicke sind. Wie ihnen diese Schau in den Himmel Kraft gibt und Trost und einen ganz langen Atem. Die Sicht in den Himmel verwandelt die Jünger.

"Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, …"

Die Abschiedsworte Jesu "Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird und werdet meine Zeugen sein." (Apostelgeschichte 1,8) fangen nun an in ihnen zu klingen. Sie sind nicht mehr die Jammerlappen, die sich vor dem Abschied fürchten, sondern sie gewinnen eine völlig neue Perspektive. Eine himmlische Perspektive... ganz anders als die Jugendlichen, die danach ohnmächtig und kraftlos auf dem Boden liegen. Fünf Minuten Himmel lassen sich anscheinend nicht erzwingen.

Musik Play Bach – Jaques Loussier Trio, "Jesus bleibet meine Freude"

Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? (Apostelgeschichte 1,10+11)

"Fünf Minuten Himmel" dauern nicht ewig

"Fünf Minuten Himmel" dauern auch nicht ewig. Der christliche Glaube bleibt nicht im Himmel stehen. Einen Augenblick dürfen die Jünger sich gönnen - wie eine kurze Pause, ein Verharren nach einer anstrengenden Wanderung, eine sonntägliche Unterbrechung der täglichen Arbeit, um Kraft zu schöpfen. Nicht weil die Pause der Selbstzweck wäre, sondern weil sie stärkt und anspornt. Sie haben danach wieder Lust weiter zu wirken und den Menschen von Gott zu erzählen. Dieser Umschwung ist gar nicht so leicht zu bewerkstelligen. Der Satz: "Was steht ihr da und seht zum Himmel?" rüttelt trotzdem unbarmherzig wach.

"Fünf Minuten Himmel" sind genug

„Fünf Minuten Himmel“ sind genug. Sie sind wichtig.
Sie verändern. Die Jünger sind andere geworden. In den Himmel zu blicken lässt einen Menschen nicht kalt, lässt ihn nicht im selben alten Trott. Da ist Entscheidendes neu geworden. Der Blick in den Himmel erinnert an die Aufgabe, die wir auf der Erde für andere haben. "Ihr werdet meine Zeugen sein", hat Jesus gesagt. Und das gilt es nun einzulösen. Es hilft nichts nur in den Himmel zu starren. Und es nützt auch nichts nur frustriert auf der Erde zu hocken.

Dieser Jesus, der voneuch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihrihn habt gen Himmel fahren sehen. (Apostelgeschichte 1,11)

Wie geht das Leben mit Jesus weiter?

Das Leben mit Jesus geht weiter. Wie kann ich mir das vorstellen?

Wie kann ich hoffen, dass er auch heute bei mir ist? Wie kann ich mich heute motivieren, damit ich voller Gottvertrauen und nicht nur trostlos oder Angst erfüllt lebe? Wie empfange ich die Kraft des Heiligen Geistes? Die Jünger leben ja mit diesem Schatz im Herzen, der sie verändert. Sie sind anders geworden, gelassener, froher. Sie haben eine völlig neue Perspektive auf das Leben. Gott ist bei ihnen, auch wenn Jesus sie jetzt endgültig verlassen hat. Mit dieser Gewissheit können die Jünger gut wieder nach Jerusalem zurückkehren. Sie kennen jetzt ihre Aufgabe für die Welt und die Menschen

Musik Play Play Bach – Jacques Loussier Trio, Fantasie c-moll BWV 906

Verantwortung für die Welt

Die Jünger und Jüngerinnen haben eine Aufgabe an und in der Welt. In die Sprache unserer Zeit übersetzt heißt das für mich: Spiritualität ist nicht alles. Sie ist immens wichtig, damit wir neue Kraft schöpfen, damit wir Quellen finden, aus denen wir trinken können. Mit Gebet beginnt alles. Für Christinnen und Christen ist es aber nie nur Eigennutz, denn dabei stehen zu bleiben wäre nur der halbe Weg.

Die andere Hälfte des Weges ist: Als Christen tragen wir Verantwortung für diese Welt. Wir handeln und leben im Namen Gottes.

Gestärkt mitanpacken

Wer in den Himmel geschaut hat und diese Himmelsschau im Herzen mit sich trägt, der ist gut gestärkt und will dann auch in die Hände spucken und etwas tun. Und wieder höre ich Jesu Stimme: "Und ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und ihr werdet meine Zeugen sein."

Das ist für mich bis heute Motivation und gibt mir Hoffnung. Was das nach über einem Jahr Corona genau heißen kann, ist mir dabei eine spannende Frage.

Gestärkt mitanpacken - was das konkret heißt:

Ganz sicher heißt das erstmal: die Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren, denen Corona viel genommen hat. Seien es geliebte Menschen, ihre Gesundheit, ihre wirtschaftliche Existenz. Da sind wir alle gefordert. Das können Kleinigkeiten sein, um ihnen beizustehen. Ich kann jemanden anrufen-ihm ein Gespräch anbieten. Ich kann jemanden einladen zu einem Spaziergang. Vielleicht ist aber auch eine finanzielle Unterstützung nötig, so es möglich ist.

Daneben lerne ich auch neu: Weniger ist manchmal mehr. Was brauche ich eigentlich wirklich im Leben? Das habe ich mich im vergangenen Jahr oft gefragt.

Oder ich habe neu gelernt: Ich habe nicht alles immer "im Griff". Wo ich das erkenne, werde ich demütiger gegenüber dem Leben und Gott. Vielleicht werden wir in Zukunft auch sensibler für das Thema Einsamkeit. Einsame Menschen gab es schon immer, aber die Pandemie hat es viel deutlicher gemacht. Ich weiß jetzt von viel mehr alleinlebenden Menschen. Ich merke, was wenige Worte für einen Menschen bedeuten können. Ich nehme das anders wahr. Und die Pandemie fordert uns auch. Ich wünsche mir eine öffentliche Fehlerkultur, die es nicht auf persönliche Diffamierung anlegt und nicht ganz so schnell immer schon alles besser weiß.

Und ganz sicher gilt es die Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu überprüfen. Der Gewinner der Krise – der Onlinehandel – muss zur Finanzierung der Krise herangezogen werden. Auch da sind wir als Kirche und auch ganz konkret als Christinnen und Christen gefordert. Hier sind wir als Zeuginnen und Zeugen Jesu Christi gefragt.

Musik Play Bach – Jacques Loussier Trio, Präludium Nr. 6 d-moll BWV 851

"Und ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und ihr werdet meine Zeugen sein."

Himmelfahrt erinnert: es gibt viel zu tun

Es gibt viel zu tun. Und Himmelfahrt erinnert uns daran. Himmel und Erde gehören zusammen. Schön, dass wir in unserem Kirchenjahr das Fest "Christi Himmelfahrt" feiern. Es ist nicht nur das herrlich verlängerte Wochenende. Es waren auch nie nur die mit Bollerwagen durch die Gegend ziehenden Männer, die den Vatertag feierten. Diese Tradition hat Corona sowieso erstmal beendet. Nein: Christi Himmelfahrt bietet viel mehr. Wir dürfen einen Blick in den Himmel werfen. Uns durch die Gottes Nähe stärken lassen. Wir dürfen den Himmel im Herzen tragen. Und so können wir daran mitwirken, dass die Erde verwandelt wird. Stück für Stück wird sie dem Himmel ähnlicher. Wir kommen dem Reich Gottes näher.

"Fünf Minuten Himmel" brauchen wir alle

"Fünf Minuten Himmel" brauchen wir alle so dann und wann- gerade in Zeiten einer Pandemie. Vielleicht gehen Sie in den nächsten Tagen auch mal auf eine Anhöhe und genießen die Nähe zum Himmel. Denken an die Geschichte der Himmelfahrt Jesu. Wie die Jünger. Und dann gehen Sie so gestärkt wieder in Ihren Alltag. Wie die Jünger. Das tut richtig gut und wirkt belebend. "Fünf Minuten Himmel" eben. Würgespiele brauchen wir dafür nicht. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Himmelfahrtstag.

Musik Play Bach – Jaques Loussier Trio, Fuge Nr. 1 C-Dur BWV 846

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