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Frohe Ostern – auch in diesem Jahr?
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Frohe Ostern – auch in diesem Jahr?

Winfried Engel
Ein Beitrag von Winfried Engel, Ltd. Schulamtsdirektor i. K. i. R., Fulda
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„Frohe Ostern!", so hätten sich gestern gern zahlreiche Menschen zugerufen, an vielen Orten in der Welt. Ostern ist ein weltumspannendes Fest. Überall, wo es Christen gibt, wird es gefeiert. Doch dieser Ruf blieb wohl den meisten Menschen eher im Halse stecken. Denn was soll in diesen Zeiten der Corona-Pandemie schon „froh“ sein! Da würden wohl eher Parolen wie „Haltet durch!“ oder „Haltet zusammen!“ passen.
Wie gehen Christen angesichts dieser Situation mit der Osterbotschaft um, die ja heute, am Ostermontag, bei uns in Deutschland besonders gefeiert wird? Grund zum Feiern hätten wir Christen immer noch genug, denn es ist eine unglaubliche Geschichte, die hier im Mittelpunkt steht. Es ist die Tatsache, dass ein Mensch nicht im Tode blieb, sondern von Gott neu ins Leben gerufen wurde: Jesus von Nazareth. Vor 2000 Jahren wurde er wegen angeblicher Gotteslästerung ans Kreuz geschlagen. Von ihm sagten die Menschen, er wäre der Sohn Gottes, der lang ersehnte Messias. Diesen Jesus von Nazareth hat Gott nicht im Grab gelassen, sondern nach drei Tagen auferweckt - so sagt es die biblische Botschaft. Bis heute stößt die Botschaft von der Auferstehung Jesu immer wieder auf Unverständnis, ja auf Widerspruch. Was stört eigentlich daran? Dass sie das normale Denken außer Kraft setzt? Dass hier etwas berichtet wird, was nicht sein kann, was die allgemeine Kenntnis von Wirklichkeit über den Haufen wirft? - Eigentlich müsste eine solche Botschaft doch genau das Gegenteil bewirken. Eine tolle Sache wäre das, wenn ich als Mensch gewiss sein dürfte, dass der Tod, der für uns alle das einzig Sichere in diesem Leben ist, nicht das Letzte wäre. Wenn es danach noch weiterginge, zudem noch in einer Wirklichkeit, die diese Welt übersteigt, in der Wirklichkeit Gottes. Für Christen ist diese Verheißung fester Bestandteil, ja Grundlage ihres Glaubens. Und deshalb feiern Christen Ostern, feiern sie den Tag, an dem das Unglaubliche passiert ist.

Musik

Alles schön und gut, höre ich sagen. Doch was hilft mir diese hoffnungsvoll klingende Botschaft in meinem Alltag, in diesen Tagen? An Tagen, in denen ich mich vor einer Infektion fürchte, in denen ich mich abschotten muss, meine Freunde nicht treffen darf, in denen ich vielleicht um meinen Arbeitsplatz fürchte, in denen mich finanzielle Sorgen plagen, in denen ich immer wieder schlimme Nachrichten von Krankheit und Tod hören muss? Das sind Fragen, die mehr als berechtigt sind! Und ich muss gestehen, dass ich darauf keine Antwort geben kann, die zufrieden stellt. Für mich persönlich kann ich sagen: Mir macht diese Botschaft Mut, und zwar deshalb, weil sie Teil der umfassenden Botschaft ist, die da lautet: Du, Mensch, bist nicht allein! Gott ist immer bei dir! Er ist in seinem Sohn Jesus Christus Mensch geworden. Und als Mensch hat er auch die Tiefen menschlichen Lebens erdulden müssen, ja sogar Leid und Tod. Und darin zeigt Gott mir: Ich halte dich, ich trage auch dich in allen Lebenslagen, auch wenn du das nicht immer spürst.

Es gibt eine kleine Geschichte. Sie ist vielfach überliefert und handelt vom Getragen werden. Ein Mensch träumt, dass er mit seinem Herrn nachts am Meer entlang geht. Bilder aus seinem Leben kommen ihm vor Augen. Und jedes Mal sieht er zwei Fußspuren im Sand, seine eigenen und die seines Herrn. Nach dem letzten Bild sieht er sich um und erschrickt: An vielen Stellen seines Lebensweges sieht er nur eine Spur, und das waren gerade die schwierigsten Zeiten in seinem Leben. Da fragt er besorgt seinen Herrn, warum er ihn denn gerade in diesen Zeiten allein gelassen habe. Er hätte ihm doch versprochen, auf allen Wegen bei ihm zu sein! Da antwortet ihm der Herr: „Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.“  

Wie schon gesagt, ich habe keine allgemein überzeugende Antwort auf die Frage, wie die Osterbotschaft in diesen schweren Tagen und Wochen froh machen kann. Doch eines weiß ich: Es muss etwas dran sein an dieser Botschaft von der Auferstehung, wenn immer wieder Menschen diese Botschaft feiern und ihr Leben darauf aufbauen, wenn sie mit dieser Hoffnung dem Tod ins Auge sehen, ja schweres Leid und Krankheit durchstehen. Wenn Menschen im Sinne dieser Botschaft im wahrsten Sinn des Wortes aufstehen gegen Ungerechtigkeiten, Unterdrückung, Hass, Gewalt und andere schlimme Dinge in dieser Welt. So sehe ich Ostern in mehrfacher Hinsicht als ein Fest der Auferstehung: Einer ist auferstanden vom Tod, viele stehen auf und gestalten ihr Leben neu, geben ihm immer wieder Sinn, verändern die Welt, schenken Hoffnung auf Zukunft. "Wer Ostern kennt, kann nie verzweifeln", hat Dietrich Bonhoeffer in seiner Todeshaft geschrieben. Solche Bekenntnisse lassen sich nicht ignorieren. Sie laden ein, sich auch darauf einzulassen, in ihnen Trost und Kraft zu finden.

Musik

Ohne Kreuz gibt es kein Ostern, das ist eine einfache Feststellung. In der vergangenen Woche - in der Sprache des christlichen Kirchenjahres die Karwoche - stand das Kreuz in besonderer Weise im Mittelpunkt. In dieser Woche vor Ostern, insbesondere am Karfreitag, wurde des Leidens und Sterbens des Jesus von Nazareth gedacht. Damit verbindet sich die Erinnerung an vielfältiges Leid in der Welt, das Menschen immer wieder erleiden mussten und müssen, das Menschen anderen Menschen zufügen. Die christliche Botschaft vom Kreuz beinhaltet, dass Gott in seinem Sohn Jesus von Nazareth das menschliche Leben bis in seine tiefsten Tiefen kennengelernt hat. So steht das Kreuz gleichsam als mahnendes Symbol für alles Leid in der Welt. Es ist zugleich ein Protest gegen dieses Leid. Gott leidet mit, er stirbt in Gestalt seines Sohnes einen qualvollen menschlichen Tod am Kreuz. Dadurch erklärt er sich mit den leidenden Menschen solidarisch. So wird das Kreuz auch zum Zeichen der Hoffnung, denn auf den Karfreitag, auf den Tod, folgt Ostern, die Auferstehung, die Überwindung des Todes. Auch wenn wir gestern Ostern gefeiert haben und damit auch den Sieg über das Kreuz, so bleibt es in diesen Tagen und Wochen wohl doch im Vordergrund. Ich kann nicht darüber hinwegsehen, was die Menschheit in den letzten Wochen durchgemacht hat und immer noch durchmacht. Wo immer ich hinschaue, gibt es Leid und Tod. Und da, wo das Coronavirus nicht zugeschlagen hat, hat es aber das tägliche Leben grundlegend verändert. Wirtschaftliche Probleme, vielleicht der Verlust des Arbeitsplatzes, das Fehlen zwischenmenschlicher Kontakte und Vieles mehr belasten uns. Das müssen wir aushalten, ja müssen wir erdulden. Und gerade in diesen vielfältigen Schwierigkeiten und Problemen sehe ich einen Schimmer von Ostern. Ich denke dabei an die ungezählten Menschen, die in dieser Zeit alles, ja sogar ihr Letztes geben, um die Normalität soweit es geht aufrecht zu erhalten. Da sind die Ärzte und Helferinnen und Helfer im medizinischen Bereich, da sind die Pflegerinnen und Pfleger in der Betreuung unserer alten Mitbürger und Mitbürgerinnen in verschiedenen Einrichtungen. Ich denke an die, die im Alltag weiter ausharren, damit unsere Versorgung mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs gesichert ist. Und hier müsste ich noch viele Gruppen von Menschen nennen, die sich für die Gemeinschaft, für uns alle einsetzen. Ich sehe auch darin ein österliches Verhalten. Menschen lassen sich nicht unterkriegen, sie stehen auf gegen Resignation und vielleicht sogar gegen jede Hoffnung. Ostern, ein Fest der Auferstehung! Auch wenn wir Christen das gestern nicht so feiern konnten, wie wir es gewohnt sind: Ich spüre in all dem Genannten, dass es Ostern gibt, dass die Osterbotschaft nach wie vor gilt und wirksam ist. Ich habe eingangs die Frage gestellt, ob ich in diesen Zeiten noch von „frohen“ Ostern sprechen darf. Wie gesagt: Zumindest für mich habe ich eine klare Antwort: In der Osterbotschaft zeigt sich mir, dass Gott die Menschen liebt und ihnen das Wertvollste gegeben hat, was er besitzt, sich selbst. Das bedeutet für mich, ich darf auf ihn vertrauen, was immer auch geschieht. Er wird mich, wenn es sein muss, auch tragen.

In diesem Sinne sage ich trotz allem: Frohe Ostern!

 

 

 

 

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