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Einsamkeitsministerin in Großbritannien
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Einsamkeitsministerin in Großbritannien

Andrea Weitzel
Ein Beitrag von

Andrea Weitzel,

Katholische Schulseelsorgerin und Religionslehrerin, Hanau
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Ein Ministerium gegen Einsamkeit! Selten hat wohl die Neueinrichtung einer staatlichen Behörde so viel Aufmerksamkeit erregt wie die Gründung eines Ministeriums für – nun ja, besser „gegen“ Einsamkeit. Dies geschah Anfang des Jahres in Großbritannien. Tracey Crouch, die frisch gebackene Einsamkeitsministerin, erhält seitdem Reaktionen aus den verschiedensten Teilen der Welt. Viele teilen ihre Erfahrung aus Großbritannien, dass „Einsamkeit“ durch alle Lebensalter und Lebensphasen hinweg Menschen betrifft. Dazu möchte Großbritannien nun breit forschen und landesweite Konzepte entwickeln.
Ein leises Unbehagen regt sich schon in mir ob der Möglichkeit einer staatlich verordneten „Zweisamkeit“. Sicherlich lässt sich dieses Ministerium jedoch auf ganz unterschiedliche Art und Weise leiten. Den britischen Weg werde ich jedenfalls verfolgen. Denn grundsätzlich gefällt mir die Tatsache, dass dort das Thema „Einsamkeit“ auf einer breiten Basis in den Blick genommen wird.

Und das, obwohl ich eigentlich ganz gern mal nur für mich bin. Eine Freundin und Mutter kleiner Kinder hat das im Sommer ganz gut auf den Punkt gebracht: Anstatt im Urlaub extra lange auszuschlafen, steht sie gern ein bisschen früher auf als alle anderen. Sie genießt den neuen Morgen. Eine halbe Stunde nur für sie allein. Wunderbar!

Mir geht es ähnlich: Ich bin mir bewusst, dass ich diese Art von Einsamkeit derzeit so schätze, weil sie selten ist. Was aber, wenn eines Tages die Kinder aus dem Haus sind und es keinen Weg morgens zur Arbeit mehr gibt? Was, wenn ich geliebte Menschen verliere? Und schon jetzt kenne ich das Gefühl, manchmal ziemlich einsam vor Entscheidungen zu stehen. Oder auch, wenn ich es einfach nicht schaffe, belastende Dinge auszusprechen und zu teilen.

Aber umgekehrt? Welche sind die Momente, in denen ich förmlich in einer Gemeinschaft aufgehe? Spontan erinnere ich mich daran, wie ich mit Anderen Musik mache. Wie wir uns während des Stückes ansehen und merken: Gerade stimmt einfach alles! Oder wenn wir als Familie am Abendbrottisch sitzen und uns sehr ausgelassen vom Tag erzählen. Oder auch, als ich im vergangenen Frühjahr durch die Stadt lief. Als die ersten Sonnenstrahlen des Jahres hier und dort den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zauberten. Und erst recht das Sommerabendpicknick mit tollen Freundinnen. Diese Momente werden Bausteine meines ganz persönlichen Ministeriums gegen die Einsamkeit. Und es fällt mir sogar noch mehr ein: Dieser schöne Gottesdienst in Frankreich. Dem Pfarrer hing ich buchstäblich an den Lippen – um wenigstens den groben Sinn seiner Predigt zu verstehen. Aber dass er uns am Ende ausdrücklich begrüßte und einen schönen Tag wünschte – das war noch mehr als eine freundliche Geste. Seine kurzen Worte bauten den anderen förmlich eine Brücke zu uns. Wir, die Fremden, gehörten plötzlich dazu! Liebe Grüße und Wünsche für unseren restlichen Urlaub und einige Händedrücke ließen uns froh und erfüllt diesen Gottesdienst verlassen. „Kommunion“ – aus dem Lateinischen für „Gemeinschaft“ – hatten wir durch wenige Worte eines Menschen zur rechten Zeit erleben dürfen. Merci beaucoup!

Ja! Ich möchte solche persönlichen Bausteine sammeln. Und ebenso auf meine Mitmenschen achten. Vielleicht können dann sogar gleich zwei ihre Einsamkeit einmal hinter sich lassen. Sicherlich nicht immer einfach! Aber einen Versuch ist es wert. Und wer weiß? Vielleicht wird genau das irgendwann einmal Teil einer weltweiten Strategie gegen die Einsamkeit…

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