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Eine Tür, die schützt und öffnet
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Eine Tür, die schützt und öffnet

Stefan Claaß
Ein Beitrag von Stefan Claaß, Evangelischer Pfarrer und Professor, Theologisches Seminar Herborn
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Gestern stand ich wieder vor dieser Tür. Sie ist eine meiner Lieblingstüren. Ich kenne sie. Sie sieht einladend aus, wie immer. Aber jetzt ist sie meistens zu. Wenn sie doch nur offen wäre. Dann gäbe sie den Weg frei zu allerlei verlockend duftenden Speisen. Und zu trinken gibt es auch hinter dieser Tür. Der Tür meines Lieblingsrestaurants. Aber alle Restaurants und Gaststätten müssen ihre Türen geschlossen halten. „Wie lange noch?“. Wenn wir das wüssten, wäre alles leichter.

„Wie lange noch?“

Ich erinnere mich an Kindertage. Im Advent gab es in der Wohnung eine Tür, die geschlossen blieb. Dahinter war nur eine kleine Kammer. Aber dort verwahrte meine Mutter ihre Weihnachtseinkäufe. „Die Tür bleibt vorerst zu!“ Dieses schreckliche und köstliche Wort habe ich geliebt: „vorerst“. Ich habe es geliebt, weil ich wusste, wie lange. Genau bis zum 24. Dezember. Dann haben meine Eltern die Geschenke aus der Kammer genommen und unter den Weihnachtsbaum gelegt. Und mir war klar: abends geht die Tür auf. Ich konnte Tage zählen, später auch Stunden und Minuten. Wie lange noch?

Mit der Weihnachtstür dauert es noch 11 Tage und rund 9 Stunden, bis sie aufgeht. Bei anderen Türen zu Restaurants oder Theatern ist es nicht so ganz klar.

Gibt es die Tür in unser altes Leben überhaupt noch?

Und wie verhält es sich mit der Tür in unser altes Leben? Wie lange noch? Wenn alle geimpft sind? Wenn die Infektionszahlen im Keller sind? Niemand kann genau sagen, wann das sein wird. Ich merke, dass sich auch die Frage in meinem Kopf verändert: Vom: Wann wird das sein zu: Gibt es die Tür ins alte Leben überhaupt noch? Kann alles wieder so werden wie früher?

Ehrlich: ich glaube nicht. Das Wörtchen „wieder“ wünsche ich allen, die durch geschlossene Türen in Not geraten sind: Wirtinnen und Musiker, Messebauer und Schauspielerinnen und alle anderen auch. Sie sollen wieder besser leben können.

Soll alles wieder so sein,wie vorher?

Aber ich habe entdeckt, dass ich nicht alles „wieder“ so haben will wie vorher. Ich bin seit Beginn der Pandemie viel weniger Auto gefahren zu irgendwelchen Konferenzen. Wenn ich Menschen leibhaftig getroffen habe in den letzten Wochen, dann waren die Aufmerksamkeit und die Freude viel intensiver als früher. Früher waren solche Begegnungen einfach normal. Heute merke ich, dass ich manche Erlebnisse mehr schätze als zu Beginn dieses Jahres. An einem Tisch zusammensitzen und klönen? Nicht normal, nicht selbstverständlich. Sondern kostbar, schön, großartig.

Anders, aber auch schön!

Ich habe mir dafür einen Merksatz eingeprägt. Kürzlich hat jemand in der Kirche bei den Ankündigungen zu einem anderen Gottesdienst eingeladen: andere Form, andere Musik. Er wusste nicht so recht, wie er das beschreiben sollte. Er sagte: „Das wird sicher… - anders, aber auch schön!“ Den Satz habe ich mir gemerkt. Passt auf viele Gelegenheiten. Wenn Corona vorbei ist, wird es – anders, aber auch schön. Hoffe ich zumindest. Nach der Musik geht’s darum, wann ich Türen lieber geschlossen habe. Und wann offen.

Es hat auch sein Gutes, wenn Türen zu bleiben

Es hat auch sein Gutes, wenn Türen zu sind. Und zu bleiben. Als Student habe ich ein Haus gehütet, während die Bewohner in Urlaub waren. Leider hatten die Bewohner nicht alle Nachbarn darüber informiert. So saß ich am zweiten Abend vor dem Fernseher bei einem spannenden Krimi, als ich jemanden an der Haustür hörte. Nicht mit Geräuschen wie sonst beim Reinkommen, sondern eher leise und heimlich. Sie können sich vorstellen, dass ich plötzlich hellwach war. Als Waffe hatte ich nur einen alten Stockschirm griffbereit. Kurz darauf stand ich vor einem Mann, ebenso nervös, ebenfalls mit Schirm bewaffnet. Der Nachbar. Er hatte Licht gesehen, wo seiner Meinung nach das Haus doch leer sein sollte. Und er hatte einen Schlüssel.

Gut, dass die Synagogentür in Halle nicht aufgegangen ist

Kein gutes Gefühl, wenn eine Tür aufgeht, die zu bleiben sollte. Das war ein harmloses Beispiel. Es gibt ja auch andere. Wie froh war ich, dass die Tür an der Synagoge in Halle letztes Jahr standgehalten hat und nicht aufging. Der Attentäter kam nicht hinein. Gott sei Dank, wenn in solchen Fällen Türen zu bleiben.

"Türen sind dieses Jahr wichtiger für mich"

In diesem Jahr beschäftigt mich das Bild der Tür in besonderer Weise. Ich habe das sonst in den Adventswochen eher abgehakt. Eben die Türchen an den Adventskalendern, ja, schön, wie sie nach und nach aufgehen, aber ich habe mir keine Gedanken dazu gemacht. Dieses Jahr ist das anders. Türen sind wichtiger für mich.

Wann soll ich Türen öffnen, wann geschlossen halten?

Geschlossene Türen, damit das Virus draußen bleibt. Und hoffentlich ordentlich friert. Türen sollen sich aber auch auftun, weil ich Kontakt brauche und Anregungen. Es ist  nicht immer ganz einfach zu entscheiden: Wann öffnen? Wann geschlossen halten?

Jesus sagt: "Ich bin die Tür..."

Von daher ist es nicht verwunderlich, dass ich aufmerksam geworden bin für ein bestimmtes Jesuswort. „Ich bin die Tür“, sagt Jesus. Eines seiner sieben Symbolworte, mit denen er sich in der Bibel zu erkennen gibt. Bisher war mir dieses Bild „Ich bin die Tür“ eher fern. Ich kenne es schon lange, aber es hat mich nicht besonders berührt.

Die Hirten legten sich auf die Schwelle zum Schafsstall

„Ich bin die Tür zu den Schafen“ heißt der Satz vollständig. Damals in biblischen Zeiten hat ein guter Hirte seine Herde beschützt, indem er sich auf die Türschwelle zum Stall gelegt hat. So bot er Schutz vor Dieben und Wölfen. Und morgens machte er dann den Weg frei auf die grüne Wiese. Weiter sagt Jesus: „Ich bin die Tür zu den Schafen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Damit meint er nicht echte Schafe, sondern die Menschen, zu denen er unterwegs ist. Ich bin die Tür: Eine, die zur richtigen Zeit schließt und zur richtigen Zeit öffnet. Wie er das unternimmt, davon mehr nach der Musik.

Eine Tür, die zur richtigen Zeit schützt und zur richtigen Zeit öffnet.

„Ich bin die Tür“, sagt Jesus. Ich bin die Verbindung zwischen geschütztem Raum und einem weiten Horizont in Freiheit. Eine Tür, die zur richtigen Zeit schützt und zur richtigen Zeit öffnet. Ein Bild, das mich in diesem Corona-Advent 2020 neu erreicht hat. Ich wünsche mir Schutz vor Angriffen von draußen, die mich nicht erreichen sollen. Ich wünsche Ihnen und mir Schutz vor Viren, das ist klar. Aber ich wünsche uns auch Schutz vor trüben Gedanken und Gefühlen. Schutz vor Aggression und Dummheit.

Die Zuwendung Jesu zu den Menschen, von der uns in der Bibel erzählt wird, soll auch für uns lebendig spürbar sein, das wünsche ich mir. Wenn Jesus Leben in Fülle für Menschen im Sinn hat, dann hätte ich ihn wirklich gern als Tür vor meinem Leben.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“

Auch das vielleicht bekannteste Adventslied singt von Türen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“ In der 5. Strophe heißt es: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, mein Herzens Tür dir offen ist.“ In diesem Lied klingt das Vertrauen an, dass auch in schwierigen Zeiten Gutes vor der Tür auf mich wartet. Und ich sage: Kommt rein, positive Gedanken! Kommt rein und nehmt Platz, Hoffnung und Zuversicht.

Wir erkennen Jesus oft nicht, wenn er vor unsrer Tür steht

Vielleicht denken jetzt einige von Ihnen: Schöne Idee, aber vor meiner Tür hat Jesus noch nie gestanden. Kann sein. Aber ich halte das für unwahrscheinlich. Ich vermute eher, dass wir ihn oft nicht erkennen. Manchmal sieht er aus wie mein Nachbar. Manchmal wie meine Lieblingswirtin oder wie der Malermeister. Das sind jedenfalls für mich drei Menschen aus den letzten Monaten, bei denen ich etwas vom Geist Jesu gespürt habe. Sie haben Gutes durch meine Tür ins Haus gebracht. Nicht nur Farbe und gutes Essen und Feuerholz. Sondern auch etwas durch die Herzenstür. Gut, dass ich aufgemacht habe.

Diese Adventszeit und dieses Weihnachtsfest werden vermutlich anders sein als bisher. Anders, aber auch schön. Hoffe ich.

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