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Du bist mein geliebter Sohn!
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Du bist mein geliebter Sohn!

Dr. Wolfgang Hartmann
Ein Beitrag von

Dr. Wolfgang Hartmann,

Spiritual im Priesterseminar, Fulda
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Es gibt Ereignisse, die bleiben lebendig. Augenblicke, die wir nicht vergessen. Wir alle kennen sie: den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, den Anschlag auf das World Trade Center am 9. September 2001 oder den 19. April 2005, als gegen 18.40 Uhr der deutsche Papst Benedikt XVI. auf der Loggia des Petersdoms in Rom erschien und lächelte. Oft wissen wir noch, was wir genau in diesen Augenblicken gemacht haben, wo wir waren und mit wem wir zusammen gewesen sind.

Auch der 7. Januar 2015 ist so ein Augenblick in der Geschichte. Damals verübten zwei maskierte Täter einen islamistisch motivierten Terroranschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris und töteten elf Menschen. Ich lag an diesem Tag mit einer heftigen Erkältung auf der Couch und wollte eigentlich nur schlafen. Als ich übers Radio im Halbdunkel von dem Anschlag hörte, schaltete ich sofort den Fernseher ein. Immer wieder wechselten in den Berichten die Bilder vom Attentat mit Liveschaltungen vor Ort. An jenem Morgen ging ein Ruck durch die Welt. Auch ich saß mittlerweile senkrecht auf dem Sofa. Und schon wenige Stunden später trugen Menschen an vielen Orten Plakate mit der Aufschrift Je suis Charlie in den Händen, um sich mit den getöteten Opfern des Satiremagazins zu solidarisieren. Doch in dieser spontanen Aktion steckte noch weit mehr: Sie wollten sich alle darüber hinaus mit den Getöteten auf eine Stufe stellen, um ihnen die verdiente Achtung entgegenzubringen. Das, was der andere ist und wie er denkt, verdient Respekt und gilt es zu schützen. Ich war zutiefst berührt und meine Erkältung war auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Die deutliche Botschaft der Demonstranten ging mir unter die Haut. Mir ging dabei aber auch sehr schnell die Frage durch den Kopf, wer ich bin, wo meine Wurzeln sind, aus welchen Quellen ich lebe und was eigentlich meine Identität ist.

Musik: Antonio Vivaldi, CD: Die vier Jahreszeiten, Titel: L´orage (Presto) aus „Sommer“, Dauer: 2:47

Sie fragen sich jetzt sicherlich, warum ich Ihnen von diesen Schicksalsereignissen ausgerechnet heute erzähle. Denn die Kirche feiert ja heute ein wichtiges Fest: die Taufe des Herrn. Es erinnert an die Taufe Jesu im Jordan. Auf der Suche nach unserer eigenen Unverwechselbarkeit kann uns dieses Fest helfen. Als Jesus im Jordan getauft wird, erfährt er etwas über sich selbst. Eine Stimme aus der Wolke spricht: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“ (Mk 1,11b). Tief im Innersten wird Jesus bewusst, dass es seine Identität ist, Gottes geliebter Sohn zu sein. Das geschieht in einem Augenblick, der im Leben Jesu von entscheidender Bedeutung ist: Er verlässt seine Heimat. Er lässt - menschlich gesprochen - alles hinter sich, was für ihn bisher Sicherheit und Geborgenheit hieß: die Familie, den Beruf und die vertrauten Beziehungen. Er riskiert sein Leben. Genauso, wie es auch heute ein junger Mensch macht, wenn er sein Elternhaus verlässt, um in einer anderen Stadt oder einem anderen Land ein Studium zu beginnen oder einen Beruf zu erlernen. Da bleibt Vertrautes zurück und Unbekanntes kommt auf ihn zu. In solchen Situationen tut es gut, wenn jemand da ist, der Sicherheit und Zutrauen schenkt, und der Schutz gibt.

Jesus erfährt bei seiner Taufe auf besondere Weise diese Sicherheit und dieses Zutrauen. Er erfährt, dass er vom Vater geliebt ist. Als Mensch muss ich sagen: Das tut einfach gut. Das gibt Halt. Ich weiß, da ist jemand, der mich liebt. Was in diesem Augenblick zu Jesus gesagt wird, wird zu jeden einzelnen Menschen gesagt: Wenn Jesus unser Bruder ist, dann gilt auch für mich, dass ich von Gott geschaffen und geliebt bin. Wir haben es gerade an Weihnachten gefeiert: Gott genügt sich nicht selbst. Er geht in die Welt, die er geschaffen hat. Er wirbt um die Gemeinschaft mit den Menschen, damit sie um Ihre innerste Identität wissen.

Zu spüren wer wir sind, ist eine tiefe Sehnsucht in uns. Es ist nicht genug, den genetischen Code zu kennen. Denn es gibt Augenblicke im Leben, da kennen wir uns auf einmal selbst nicht wieder. Da habe ich vielleicht etwas getan, was mein bisheriges Selbstbild zerstört. Oder ich entdecke an mir neue, ungeahnte Fähigkeiten. Oft bringen erst die anderen Menschen in mir neue Seiten zum Klingen. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: Der Mensch wird am Du zum Ich. Womit Buber wohl sagen will: Erst durch meine Mitmenschen wächst meine Persönlichkeit.

Musik: Antonio Vivaldi, CD: Die vier Jahreszeiten, Titel: Allegro aus „Frühling“, Dauer: 3:19

Am Du zum Ich werden, durch andere Menschen in seiner Persönlichkeit zu wachsen – für die meisten Menschen ist es eine Lebensaufgabe, schrittweise immer mehr herauszufinden, wer und was sie sind. Eine Gute Begleitung auf diesem Weg kann dabei hilfreich sein. Erst wenn sie immer wieder in sich selbst hineinhören, spüren sie jene vielen kleinen Töne des Lebens, die sie sonst so nicht wahrnehmen würden.

In Michael Endes Roman „Die unendlicher Geschichte“ schreitet eine der beiden Hauptfiguren Bastian Baltasar Bux von einem Wunsch zum nächsten. Zum Schluss gelangt er in das Änderhaus. Das ist höchst lebendig und ständig in Bewegung. Hier geschieht Veränderung. Aber das Haus ändert nicht nur sich selbst, sondern auch den, der darin wohnt. Erst hier findet der besagte Bastian seine eigentliche Identität. Es heißt dort, dass „in ihm eine Sehnsucht ganz anderer Art“, erwachte, „ein Verlangen, wie er es bisher noch nie empfunden hatte und das sich in jeder Hinsicht von all seinen bisherigen Wünschen unterschied.“ (M. Ende, Die unendliche Geschichte, S. 448). Er entdeckte die Sehnsucht, selbst lieben zu können.

Das könnte eine Antwort auf die Frage nach unserer Identität sein: die Sehnsucht, selbst lieben zu können. Doch das ist nicht etwas, was wir einfach so lernen können. Denn wir können uns nicht so ohne weiteres entscheiden, diese Sehnsucht zu haben. Das geht nur durch Erfahrung. Wenn ich erlebt habe, dass ich geliebt werde, kann ich selbst lieben.

Ich denke da an die Taufe eines Kindes von Freunden. Der Großvater hatte von eine Israelreise echtes Jordanwasser mitgebracht. Damit sollte der kleine Enkel getauft werden. Der Bub sollte mit demselben Wasser getauft werden wie Jesus. Wir gingen damals mit diesem Wasser und der ganzen Taufgesellschaft in die Krypta der Kirche, also ganz nach unten. So, als wenn wir tief in einen Brunnen steigen würden, um zu seiner Quelle zu kommen. Der Raum war nur durch Kerzenschein erleuchtet. Es roch modrig. Der Hall war dumpf, doch das Wasser frisch und klar. Auch gläubige Menschen brauchen manchmal besondere Zeichen, die ihnen die Wirklichkeit des Glaubens vor Augen führen. Jene Wirklichkeit, von Gott geliebt zu sein. Aus der Begegnung mit Jesus ist diese Erfahrung möglich. Und dazu ist die Taufe der Grundstein. Weil ich im Glauben erfahren darf, dass Gott mich liebt, kann auch ich lieben. Und darin liegt das Geheimnis des ganzen Lebens verborgen.

Musik: Antonio Vivaldi, CD: Die vier Jahreszeiten, Titel: Largo aus „Winter“, Dauer: 2:00

Gläubige Menschen sind davon überzeugt: Von Gott geliebt zu sein, ist unsere Identität. Wenn das allerdings immer so klar wäre, dann würden sich viele Spannungen zwischen den Menschen von selbst erledigen. Dann würden Menschen wegen ihrer fremden Religion nicht mehr verfolgt, wegen ihrer kulturellen Prägung oder aufgrund ihrer Weltanschauung nicht ausgeschlossen und auch nicht lächerlich gemacht.  

Zurück zum Terroranschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris: Noch bis spät in den Abend berichteten damals die Reporter auf einigen Sendern live aus Paris. Immer wieder sah man die unfassbaren Bilder, und immer mehr Menschen, die sich mit den Opfern solidarisierten.

Ich musste beim Betrachten dieser Fernsehbilder an den Neujahrstag jenes Jahres denken, der erst eine Woche her war. Damals fragte Papst Franziskus die vielen Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom, ob sie wüssten, an welchem Tag sie getauft worden seien. Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die meisten Menschen kennen ihren Geburtstag, den Tauftag aber oft nicht. Der Papst brachte in seiner Ansprache damals die Frage nach dem Tauftag mit dem Nachdenken über den Frieden in der Welt zusammen. Friede und Versöhnung unter den Völkern, Kulturen und Religionen ist nur möglich, wenn wir wissen, wer wir sind.  

Sicher finde ich im Familienalbum ein paar Fotos meiner Taufe. Gibt es da nicht auch noch ein Video? Oder eine kleine Geschichte, die mir jemand aus der Familie erzählen kann. Oder vielleicht so etwas wie jenen besonderen Ort bei der Taufe des Kindes meiner Freunde, eine kleine Panne oder Ähnliches?

Unsere Taufe ist es allemal wert, dass wir sie nicht vergessen. Denn sie ist es, die etwas aussagt über das, was wir sind, nämlich Kinder unseres liebenden Gottes, von dem wir wissen, dass er uns immer in seinem Herzen hat. Und das ist keine Einbahnstraße. Denn durch die noch unmittelbarere Nähe zu ihm in der Taufe hat er auch einen besonderen Platz in unserem Herzen!

Ich bin von Gott geliebt. Das hat Gott mir bei meiner Taufe zugesagt. Vielleicht muss ich mir das öfter einmal bewusst machen.

Musik: Antonio Vivaldi, CD: Die vier Jahreszeiten, Titel: Danza pastorale – Allegro aus „Frühling“, Dauer: 4:38

Musikauswahl: Regionalkantor Ulrich Moormann, Fulda

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