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Der spirituelle Fußabdruck
Pixabay/Hans Braxmeier

Der spirituelle Fußabdruck

Dr. Matthias Viertel
Ein Beitrag von

Dr. Matthias Viertel,

Evangelischer Pfarrer i.R., Kassel
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In Jerusalem, ganz oben auf dem Ölberg, gibt es eine kleine, recht unscheinbare Kapelle. Sie ist achteckig und hat einen Durchmesser von gut 6 Metern. Schon im 4. Jahrhundert hatten Christen an dieser Stelle ein Gebäude errichtet, weil sie hier die Himmelfahrt Christi lokalisierten. Der eigentliche Schatz dieser Stätte ist ein Fußabdruck, der sich in dem Felsen in der Mitte des Raumes mehr oder weniger deutlich abzeichnet. Der Legende nach soll das der Abdruck sein, den Christus bei seiner Fahrt in den Himmel hinterlassen hat.

Hat Jesus bei seiner Himmelfahrt einen Fußabdruck hinterlassen?

Jedes Mal, wenn ich nach Jerusalem komme, stehe ich ein wenig unbeholfen an dieser Stätte. Einerseits bin ich beeindruckt von der Innigkeit, mit der fromme Pilger ihre Andacht halten. Andererseits ist mir die Vorstellung, Jesus hätte die Welt mit solcher physischen Wucht verlassen, dass das im Felsen einen Abdruck hinterlassen hat, schon ein wenig befremdend. In meinem persönlichen Glauben kommen solche Vorstellungen nicht vor. Ich begreife die Himmelfahrt eher als symbolischen Akt. Er lässt uns über das komplexe Verhältnis von Nähe und Distanz nachdenken.

Auch Muhammed und Buddha haben Fußspuren hinterlassen

Und doch: Solche Fußspuren heiliger Gestalten gibt es auch an anderen Orten. Nicht nur Jesus werden sie zugeschrieben. Auch Muhammed und Buddha. Manchmal haben sie eine normale Größe. Oder sie sind riesig und deuten damit darauf hin, dass die betreffende Figur alles menschliche Maß sprengt. Fußspuren gibt es in fast allen Religionen. Auch deshalb finden sie mein Interesse.

Warum suchen Menschen Spuren des Glaubens?

Warum suchen Menschen Spuren des Glaubens? Warum sind solche Abdrücke derart wichtig, dass sie sich sogar über kulturelle Grenzen hinweg bewähren?

Die Spuren der Füße sollen bezeugen: Schaut her, ich war da! Ihr könnt es mit euren Sinnen wahrnehmen, ich habe Spuren hinterlassen, mein Leben war nicht umsonst! Es sind Fußstapfen, in die du sogar hineintreten kannst, ein Weg, den du zu deinem eigenen wählst und fortsetzen kannst.

Jeder von uns hinterläßt einen ökologischen Fußabdruck

Das Symbol der Fußspuren bedeutet auch heute etwas. Zum Beispiel, wenn wir vom ökologischen Fußabdruck sprechen, den jeder und jede hinterlässt. Was ich esse und trinke, die Art, wie ich lebe, das alles bleibt nicht ohne Folgen. Niemand lebt in einem leeren Raum. Ein jeder lebt von dieser Erde und hinterlässt deshalb automatisch Spuren. Gut, wenn das nicht unüberlegt geschieht.

Wie sieht mein ökologischer aber auch mein spiritueller Fußabdruck aus?

So gesehen macht auch die Himmelfahrtskapelle in Jerusalem einen Sinn. Indem ich auf die Fußspur Christi schaue, halte ich mir vor Augen, wie Jesus gelebt hat. Mein eigener Glaube setzt sich zusammen aus den Zeugnissen, die er hinterlassen hat. Und wofür stehe ich? Was will ich zurücklassen – kurzum: Wie sieht mein Fußabdruck aus? Mein ökologischer aber auch mein spiritueller? Das sind sinnvolle Fragen. Warum sollte die Darstellung des Fußabdrucks Christi nicht Anlass bieten, über den eigenen ökologischen und spirituellen Fußabdruck nachzudenken.

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