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Das Zittern der Kanzlerin
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Das Zittern der Kanzlerin

Dr. Peter Kristen
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Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt
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Moderator/Moderatorin: Sie beißt die Lippen zusammen und ballt die Hände zur Faust. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte wieder einen Zitteranfall, zum dritten Mal in rund drei Wochen bei einem offiziellen Anlass. „Es geht mir gut“, hat sie gesagt und dass sie „damit jetzt eine Weile leben“ muss. Wie geht man damit um, wenn man mit einer Beeinträchtigung leben muss? Gedanken dazu im hr1 Zuspruch von Pfarrer Peter Kristen aus Limeshain.

Muss ich allen die Wahrheit darüber sagen, wie’s mir geht? Ich denke nicht. Nun kann man einwenden: Aber in der Bibel steht doch: Du sollst nicht lügen. Du sollst dich an die Wahrheit halten. Stimmt. Lügen soll man nicht. Aber das heißt nicht: Du musst jede Wahrheit allen sagen. Was ich wem anvertraue oder was ich öffentlich mache, das entscheide ich selbst.

Ich habe mich umgehört, wie andere damit umgehen. Maren sagt: „Mir hat es geholfen, meine Krankheit von mir aus anzusprechen.“ Nach einer Krebsoperation am Magen sind ihr selbst kleine Portionen im Restaurant viel zu groß. „Wieder so eine verrückte Diätzicke!“, hat einmal ein Kellner im Weggehen gesagt. Das hat sie geärgert, und darum hat sie sich entschieden, ihre Situation kurz zu erklären. „Wissen Sie, ich hab nur noch ein Fünftel meines Magens“, sagt sie heute, wenn sie Essen bestellt. „Könnten Sie mir vielleicht eine ganz kleine Portion bringen.“ Das klappt und sie fühlt sich wohl damit.

Andreas sagt: „Klar entscheide an erster Stelle ich, was ich wem sage. Aber manchmal haben auch andere Anspruch darauf zu wissen, wie es um mich steht.“ Er ist Teamleiter in seinem Büro. Wegen einer Sehstörung hat er ein paar Tage gefehlt. Seine Ärztin hat ihn zu einer genauen Untersuchung geschickt. „Dabei ist leider herausgekommen“, erzählt er im Team, „dass ich MS habe, multiple Sklerose. Ich kann die Arbeit hier weiter bewältigen. Ich weiß aber nicht, wie lange das so bleibt.“ Alle waren betroffen, aber auch beeindruckt von seiner Offenheit.

Über eine Krankheit reden oder darüber schweigen, das entscheide ich selbst. Wichtig ist, sich unter keinen falschen Druck zu setzen und gut zu überlegen: Wem will ich mich anvertrauen? Und: Gibt es Menschen, die es wissen müssen? Wenn ich davon erzähle, kann es mir selbst helfen - oder anderen. Maren und Andreas machen mir Mut dazu.

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