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Alle Achtung - wie einer zu Ansehen kommt
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Alle Achtung - wie einer zu Ansehen kommt

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von

Michael Tönges-Braungart,

Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus
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Schon in der Schule hieß er immer „der Kleine“. Und es stimmte ja auch. Er war immer der kleinste in der Klasse. „Was will der Kleine denn...?“ Wie oft hatte er das zu hören bekommen.  Wie oft hatten die anderen ihn einfach übersehen; so, als ob er gar nicht da wäre. Manchmal hatten sie ihn wohl wirklich übersehen, versehentlich sozusagen. Aber oft auch mit voller Absicht, voller Geringschätzung. Herumgeschubst hatten sie ihn und in den Hintergrund gedrängt: „Ab in die letzte Reihe, wo du hingehörst!“  Kinder können da recht hart miteinander umgehen.

„Na wartet!  Euch werd‘ ich’s zeigen!"

Und wenn Kinder so von anderen behandelt werden, weil sie kleiner sind oder weniger klug oder weniger sportlich als die anderen, eben weil sie einfach anders sind, dann kann das zwei Auswirkungen haben. Entweder diese Kinder ziehen sich ganz zurück und werden noch kleiner, noch unscheinbarer, noch zurückhaltender. Oder sie sagen sich irgendwann: „Na wartet!  Euch werd‘ ich’s zeigen – auf meine Art. Ihr werdet schon sehen!“

Besondere Fähigkeiten als Alleinstellungsmerkmal

Wo’s mit körperlicher Gewalt und Größe nicht geht, kommt’s dann eben auf anderes an: Schlau muss man dann sein und gewitzt; tricksen muss man können, um die anderen doch noch zu überholen. Und man muss Fähigkeiten auf einem Gebiet entwickeln, auf dem die anderen unterbelichtet sind. Man muss eine Sache machen, bei der man die Konkurrenz der anderen nicht so zu fürchten hat.

Steuereintreiber für die römischen Besatzungsmacht

So hatte es ein Mann namens Zachäus gemacht. Zumindest stelle ich mir das so vor. In der Bibel wird von ihm erzählt, im Neuen Testament, im Evangelium nach Lukas. Zachäus war auf diese Weise erfolgreich gewesen. Er hatte einen Beruf ergriffen, der nicht gerade in gutem Ansehen stand. Steuereintreiber war er geworden. Nicht als ein vom Staat bezahlter Beamter, wie das heute ist, der alle gleichbehandelt und sich dabei nach Gesetzen richtet. Eher als ein selbständiger Unternehmer, der im Auftrag der Obrigkeit arbeitete. Dass das die römische Besatzungsmacht war, störte ihn nicht. Allerdings trug das auch nicht gerade zur Steigerung seines Ansehens bei.

Viel Steuern fordern, um selber viel zu verdienen, war nicht verboten

Die Verwaltung des Römischen Reiches verpachtete an freie Unternehmer wie Zachäus das Recht, in einem bestimmten Gebiet Zölle und Steuern eintreiben zu dürfen. Die Steuern mussten die Zöllner – so wurden sie genannt - abführen. Was sie darüber hinaus einnahmen, war ihr Verdienst. Und wie sie diesen Verdienst hereinbrachten, wie hoch sie Zölle und Steuern ansetzten, war ihnen überlassen. Wenn sie also viel forderten, um selber viel zu verdienen, war das vielleicht moralisch anrüchig, aber nicht verboten oder kriminell.

Zöllner waren nicht sehr beliebt

Die Zöllner waren bei ihren Mitmenschen nicht gut angesehen, bei vielen sogar verhasst. Zum einen, weil sie mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiteten und sogar Geschäfte machten; zum anderen, weil natürlich niemand beliebt ist, der Leuten Geld abnimmt im Auftrag des Staates – denken wir an Finanzbeamte oder Polizistinnen heute, die deswegen ja auch oft beschimpft werden, obwohl sie nur ihren Job machen. Und so waren damals manche Zöllner auch deshalb verhasst, weil sie den Leuten das Geld aus der Tasche zogen, und das manchmal auch recht willkürlich taten.

Zachäus - zum Oberzöllner aufgestiegen

So hatte es auch Zachäus gemacht. Warum nicht mit den Römern zusammenarbeiten? Irgendwer muss das ja machen, wird er sich gedacht haben. Und wenn er’s nicht machte, machten es andere. So hatte er kräftig verdient: An jedem Ballen Stoff, der zum Markt gebracht wurde, an jedem Schaf und jeder Ziege, an jedem Krug Öl. Überall floss etwas in seine Kasse. Ganz legal. Und nach und nach hatten die Leute – unfreiwillig natürlich – Zachäus zu einem reichen Mann gemacht. Er war darüber hinaus noch erfolgreich gewesen und die Karriereleiter heraufgeklettert. Bis zum Oberzöllner hatte er’s gebracht. Schon längst musste er sich nicht mehr mit Kleinkram abgeben und mit den Händlern oder Handwerkern herumzanken. Dafür hatte jetzt er seine Leute. Er blieb im Hintergrund – und verdiente dabei umso besser. So hatte er es den anderen gezeigt, der kleine Zachäus.

Musik: Johann Friedrich Fasch, Violinkonzert A-Dur, 3. Satz Allegro (Il Gardellino)

In der Schule hatten sie ihn immer nur „Kleiner“ gerufen und ihn gehänselt. Aber der kleine Zachäus hatte es ihnen allen gezeigt. Sollten sie doch ruhig über ihn lachen; sollten sie hinter seinem Rücken wüste Drohungen ausstoßen. Er hatte sie alle überholt und saß nun am längeren Hebel.

Alles hat seinen Preis

Natürlich hatte das seinen Preis. Ansehen konnte man sich in dem Beruf nicht erwerben – aber hatte ihn vorher jemand angesehen? Freunde fand er nur unter seinesgleichen – aber hatte er vorher Freunde, wirkliche Freunde gehabt? Auch im Gottesdienst war er nicht gern gesehen – aber hatte da vorher jemand nach ihm gefragt? War es nicht besser, zu denen zu gehören, die andere herumschubsen, als selber herumgeschubst zu werden? Wie auch immer: Er hatte es ihnen allen gezeigt, der Kleine; auf seine Weise.

Und damit war er ganz zufrieden. Er konnte sich vor sich selber und vor andere hinstellen und trotzig sagen: „Ja, ich bin Zöllner – na und?“

Sich für etwas schämen, für das man gar nichts kann

Aber ich denke mir, es gab in Zachäus auch noch eine andere Seite. Die kannte nur er selber. Und er hütete sich, sie vor anderen zu zeigen. Denn manchmal schämte er sich für das, was er war und was er machte. Schon als Kind hatte er sich geschämt dafür, dass er so klein war und dass die anderen ihn deshalb auslachten. Hatte sich dafür geschämt, anders zu sein – obwohl er dafür doch gar nichts konnte.

Manchmal schämte sich Zachäus dafür, ein Zöllner zu sein

Und jetzt schämte er sich auch dafür, dass er als Zöllner eben nicht zu den anständigen und angesehenen Leuten gehörte, dass er wieder „anders“ war als alle anderen; dass er wieder irgendwie draußen stand. Ja, manchmal schämte er sich dafür, auch wenn es nichts Illegales oder Kriminelles war, ein Zöllner zu sein.

Viele Menschen schämen sich für etwas

Es gibt viele Menschen, die sich auf irgendeine Art und Weise schämen. Manchmal, ohne dass sie das selber so sagen würden, ohne dass ihnen das selber so bewusst ist. Sie schämen sich, weil sie anders sind als andere. Anders von Gestalt, nicht so groß oder schlank oder sportlich oder hübsch wie andere. Weil sie einem gängigen Ideal nicht entsprechen. Es gibt Menschen, die sich auf gewisse Art dafür schämen, dass sie krank sind und nicht so leistungsfähig wie andere. Es gibt Menschen, die leiden darunter, dass sie im Leben nicht das erreicht haben, was sie sich erträumt haben und was die anderen scheinbar alle haben.  Es gibt Menschen, denen setzt das zu, sie fühlen sich schlecht und weniger wert als andere, ohne dass es dafür wirklich einen Grund gibt.  

Scham gibt es auch ohne Schuld

Und natürlich gibt es auch Menschen, die sich durchaus mit Grund schämen für Dinge, die sie gesagt oder getan haben. Es gibt auch Scham, die etwas mit Schuld zu tun hat. Und doch sind Scham und das Bewusstsein von Schuld nicht dasselbe. Scham gibt es auch ohne Schuld.

Angst vor Bloßstellung

Wer sich schämt, hat vor allem vor einer Sache Angst: Bloßgestellt zu werden. Wenn man das Gefühl hat: Alle schauen auf mich; alle sehen, wie ich wirklich bin; alle sehen meine Schwächen, dann möchte man sich am liebsten irgendwo verkriechen, am liebsten würde man im Boden versinken. Nur nicht auffallen, ist die Devise. Dass bloß keiner etwas merkt!

Entweder sich verstecken oder den selbstbewußten Typen spielen

Diese Haltung kann sich durchaus unterschiedlich ausdrücken. Entweder man gibt sich völlig unauffällig und versteckt sich – oder man spielt nach außen die Rolle des selbstbewussten „Hoppla, hier komm Ich-Typen“ und versucht damit, die eigene Scham zu überspielen.

Vielleicht war Zachäus auch einer, der sich im tiefsten Grund geschämt hat – grundlos für manches und auch durchaus begründet für anderes.

Zachäus will Jesus unbedingt sehen

Vielleicht war diese Scham der Grund dafür, dass er Jesus unbedingt sehen wollte, als er in seine Stadt kam, nach Jericho. Diesen Mann, der ja auch anders war als die anderen und der mit Menschen anders umging als andere. Dieser Mann ging ohne Vorurteile auf Menschen zu – gerade auch auf die, die von anderen schief angesehen und gemieden wurden. Diesen Mann wollte Zachäus unbedingt sehen und hören. Und deshalb schämte er sich nicht, dafür auf einen Baum zu klettern, weil die Großen mal wieder vorne standen und ihn, den Kleinen, nicht durchließen. Also kletterte er auf einen Baum – wieder der Kleine, der die anderen überholt. Aber er hatte sich nicht gescheut, auf einen Baum zu klettern, um Jesus zu sehen.

Musik: Georg Philipp Telemann, Trompetenkonzert D-Dur, 2. Satz Allegro (Niklas Eklund, Trompete und The Drottningholm Baroque Ensemble)

Zachäus sitzt auf einem Baum in Jericho und wartet darauf, dass Jesus vorbeikommen wird. Oben auf einem Baum, über den Köpfen der Menschen, die ihm sonst die Sicht versperrt hätten, hält er Ausschau.

Jesus sieht zu Zachäus auf

Und Jesus? Der sieht ihn. Der übersieht ihn nicht einfach, so wie sie ihn als Kind, als den Kleinen immer schon übersehen hatten; so wie ihn die anständigen Leute jetzt ganz bewusst übersehen. Der sieht zu ihm auf! Eine ganz neue Erfahrung für Zachäus. Da sieht einer zu mir auf!

Zachäus bittet Jesus in sein Haus

Und dabei bleibt es nicht. Jesus bleibt stehen, ruft ihn vom Baum herunter und sagt: „Ich will heute bei dir zu Gast sein.“ Zachäus weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Er kann gar nicht schnell genug herunterklettern von seinem Baum, um diese Selbsteinladung anzunehmen und Jesus in sein Haus zu bitten.

Auf Augenhöhe mit Jesus

Und dann sitzt Jesus mit Zachäus an einen Tisch – auf Augenhöhe sozusagen. Das sagt schon alles.  Ich male mir aus, wie das gewesen sein mag, wie Jesus spricht: „Zachäus, du brauchst dich nicht größer zu machen, als du bist; du musst nicht versuchen, alle anderen zu überholen; du musst dich nicht schämen für das, was du bist. Zachäus, ich bin mir nicht zu schade für dich. Du bist mir als Gastgeber gerade recht. Bei mir zählt nicht, ob du klein bist; bei mir zählt auch nicht, ob du Zöllner bist; bei mir zählt nicht, was andere über dich denken oder von dir sagen. Bei mir zählst du, Zachäus. Ich sehe dich. Ich sehe dich an. Für mich gehörst du dazu. Bei mir bist du angesehen.“

Musik: Johann Sebastian Bach, Orchestersuite Nr. 2 H-Moll, Bourée (Sinfonia Varsovia unter Albrecht Mayer)

Jesus hält keine Standpauke

Was mir besonders an dieser Geschichte gefällt: Jesus erzählt dem Zachäus offensichtlich nicht, was der selber schon längst weiß. Er hält ihm wahrscheinlich auch nicht das vor, was die anderen Leute ihm – durchaus zu Recht – vorhalten. Er hält ihm keine Standpauke. Er bohrt wohl kaum noch tiefer am wunden Punkt des Zachäus. Sondern er sieht tiefer.

Jesus schaut in die Seele

Er sieht in dem Zachäus, so selbstbewusst und arrogant der vielleicht auch auftreten mag und so moralisch anrüchig er sich manchmal verhält – Jesus sieht in Zachäus auch das andere: den Kleinen, der „anders“ ist und darunter leidet; der nicht dazu gehören darf und deshalb vielleicht trotzig sagt: „Ich will auch gar nicht dazu gehören!“. Er sieht in Zachäus einen Menschen, der sich schämt; für sich selber und für das, was er ist und was er nicht ist; auch für das Unrechte, was er tut und für den Gewinn, den er daraus zieht und an dem er sich durchaus auch freut.

Jesus bringt dem Zachäus das entgegen, was der braucht: Ansehen. Er sieht ihn an und lädt sich bei ihm ein; er setzt sich mit ihm an einen Tisch, auf Augenhöhe. Darin kommt für mich – und wohl auch für die Menschen damals – eindeutig zum Ausdruck: „Zachäus, du gehörst dazu. Du brauchst dich nicht zu schämen.“

Zachäus will dazugehören

Und Zachäus – der ist davon so überwältigt, dass er Wiedergutmachung verspricht. Er will reinen Tisch machen und neu anfangen. Angerichteten Schaden will er zurückerstatten – sogar in größerem Umfang, als es die Bestimmungen vorsehen. „Ja, ich gehöre dazu. Ja, ich will dazugehören zum Volk Gottes! Ich kenne die Gebote. Ich weiß, was Gott von mir erwartet! Und ich will mich dran halten. Schwer wird’s werden. Und wie’s mit mir weitergeht, weiß ich nicht. Aber wenn du, Jesus, zu mir sagst: Du gehörst dazu, dann will ich ernst machen damit!“

Menschen können sich verändern, wenn man ihnen Ansehen schenkt

So kann sich ein Mensch verändern, wenn einer ihn freundlich ansieht, so wie Jesus es bei Zachäus getan hat. So kann ein Mensch sich verändern, wenn einer ihn ansieht und nicht einfach übersieht oder durch ihn hindurchschaut. So kann sich ein Mensch verändern, wenn einer nicht auf ihn herabsieht, sondern zu ihm aufschaut. So kann sich ein Mensch verändern, wenn einer ihn ansieht, der nicht Verachtung, Geringschätzung oder sogar Hass in seinem Blick hat, sondern Freundlichkeit und Achtung – ja, und Liebe. So kann sich ein Mensch verändern, wenn einer ihm Ansehen schenkt.

Menschen brauchen Achtung

Vielleicht haben die Leute Zachäus nach dieser Begegnung mit Jesus weiter „den Kleinen“ genannt. Aber wenn, dann hat darin wahrscheinlich nicht mehr Verachtung und Geringschätzung mitgeschwungen, sondern Respekt und Bewunderung.  „Donnerwetter, da hat er aber Größe gezeigt - alle Achtung!“

Vielleicht ist es ja das, was viele Menschen ganz dringend brauchen, die sich auf die eine oder andere Art schämen – bewusst oder unbewusst, begründet oder unbegründet. Vielleicht ist es ja genau das, was sie brauchen: Alle Achtung!

Musik: Francesco Durante, Concerto for Strings Es-Dur, 3. Satz Allegro (Concerto Kön)

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