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Die dunkle Nacht der Seele
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Die dunkle Nacht der Seele

Helmut Schlegel
Ein Beitrag von

Helmut Schlegel,

Franziskanerpater, Exerzitienbegleiter und Geistlicher Begleiter, Frankfurt

„Kein Anschluss unter dieser Nummer“ – wer kennt diese Ansage nicht? Die Leitung ist gestört. Ich bin enttäuscht und lege wieder auf. Geht es mir auch so in meiner Beziehung zu Gott? – Papst Franziskus hat es vor einem Jahr so ausgedrückt: Es passiert, „dass man Gott gegenüber auch mal aus der Haut fährt…“ Aus der Haut fahren - in der Alltagsprache meint das: plötzlich die Beherrschung verlieren. Mich beruhigt der Gedanke: Ich darf auch Gott gegenüber die Beherrschung verlieren.

Das wäre nichts Neues. In der Bibel ist 52 mal die Rede davon, dass Menschen vor Gott klagen. Und 64 mal gar finde ich das Wort „schreien“. Wenn ich in den Psalmen lese, muss ich manchmal schlucken. Gebete sind das und trotzdem sind sie voll von Gewalt und Blut, von Eifersucht und Egoismus. Klagen, Schreien, Trauer, Entsetzen, Wut – all diese Gefühle finde ich in den Psalmen.  Ganz ehrlich: das entlastet mich auch. So darf ich mit Gott auch reden. Vor ihm darf ich alle meine Gefühle ausdrücken. Meine Zweifel, meine Enttäuschungen – alles hat Platz. Im Psalm 13 finde ich solch ein Gebet:

Wie lange noch, Herr, vergisst du mich ganz? Wie lange noch verbirgst du dein Gesicht vor mir? Wie lange noch muss ich Schmerzen ertragen in meiner Seele, in meinem Herzen Kummer Tag für Tag? Wie lange noch darf mein Feind über mich triumphieren?

Ich möchte es in meiner Sprache so ausdrücken:  

Wie lange noch muss ich ertragen,
dass du dich abgewandt von mir?
Sag, muss ich mich vor Scham vergraben?
Wie lange noch? – schrei ich zu dir.

In meinem Herzen ist nur Leere,
auch nicht ein Funke deines Lichts,
kein Trostwort, das ich von dir höre.
Dass du mich liebst – ich spüre nichts.

Wie Feuer brennen meine Wunden.
Dein Schweigen macht mir Atemnot.
Warum lässt du mich nicht gesunden?
Bist du denn nicht ein Rettergott?

„Es passiert, dass man bei Gott auch mal aus der Haut fährt“, sagt Papst Franziskus. Die Haut schützt meinen Körper. Sie ist sozusagen das Kleid, das mir auf den Leib geschneidert ist. Wenn ich sie verliere, bin ich verloren. Dann bin ich eine einzige Wunde. Gott gegenüber aus der Haut fahren: Für mich steckt darin auch der Gedanke: Ich leide an der Wunde der Gottverlassenheit.

Verlassen werden - Ich kenne dieses Gefühl von frühester Kindheit her. Vermutlich war schon meine Geburt eine Erfahrung des Verlassen-werdens. Ich wurde getrennt von der Mutter, hinausgeworfen in eine kalte Welt. Und dann musste ich diese Erfahrung immer wieder machen. Meine Eltern konnten nicht andauernd bei mir sein, konnten mich nicht immer im Arm tragen. Wenn ich heute sehe, wie ein Baby herzzerreißend schreit, frage ich mich manchmal: Was geht da in diesem kleinen Menschen vor? Der Hunger allein tut nicht so weh. Ich vermute, es ist diese Wunde: die Angst, verlassen zu werden.

Die Angst vor dem Verlassensein kenne ich. Die Angst der Gottverlassenheit: die kannte ich als Kind zumindest nicht. Ich erinnere mich an die Zeit meiner ersten Kommunion. Ein tiefes Glück kehrte ein: Dieser Jesus war mir so geschwisterlich nahe. Die Bilder, wie er Menschen heilt, die Kinder auf den Arm nimmt, und der Gedanken, dass er in der Kommunion eins mit mir wird – das hat mich zutiefst berührt. Ich wollte mir diesen Glauben auch nie mehr nehmen lassen. Er wurde mir auch nicht genommen. Aber schon als Jugendlicher musste ich erleben, dass es eben ein Kinderglaube war. Ich musste ihn ablegen, mich um einen neuen, erwachsenen Glauben bemühen. Und der ist alles andere als warm und kuschelig.  

Heute als Erwachsener habe ich das Gefühl: Gott ist manchmal ganz weit weg. Zwischen ihm und mir stehen viele Fragen. Die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft faszinieren mich – wie sich zum Beispiel in langsamen Schritten das Leben auf dieser Erde entwickelte, oder wie das menschliche Gehirn funktioniert.  Aber diese Erkenntnisse zwingen mich auch, die Frage nach Gott ganz neu zu stellen. Ich sehe, dass die Welt wohl doch nicht so geordnet und zielgerichtet ist, wie der Schöpfungsglaube früherer Generationen lehrte. Dazu kommen das große Leid und die vielen Ungereimtheiten in der Welt. Sie provozieren geradezu die Frage: Warum?  Mitunter wird aus dieser Frage sogar ein Vorwurf: Wo bist du nur, Gott? Kannst du das Elend nicht verhindern?
 
Musik 2: LC 06860 Sony Music, David Orlowsky Chronos, David Orlowsy Trio, Nr. 9 „satin“.

Die Bibel beschreibt die dunklen Zeiten im Glauben mit einem anschaulichen Bild: Wüste. Wüste ist auch noch heute eine alltägliche Erfahrung in Palästina. Ein paar Kilometer Fußweg von Jerusalem - und schon ist man in der Judäischen Wüste. Die Straße hört auf, selbst die Fußpfade und die Spuren der Karawanen werden sofort vom Wind verweht. Wüste – das bedeutet: Ich kann im Kreis gehen und mich verirren. Ich bekomme Durst und finde kein Wasser. Es ist lebensgefährlich in der Wüste.  

Seltsam: Ausgerechnet die großen Mystikerinnen und Mystiker – also sozusagen die religiös Hochbegabten – sprechen von der geistlichen Wüste, die sie durchgemacht haben. Franz von Assisi beispielsweise, ein ganz und gar von Gott erfüllter Mensch, erlebt eine Phase, in der er sich von Gott verlassen, ja sogar verstoßen fühlt. Nichts geht mehr an ihn, kein Gebet, kein Gefühl des Vertrauens. Dazu kommt eine schwere Augenkrankheit, sodass er keine Licht mehr ertragen kann.  Es wird berichtet: Franziskus ließ sich beim Kloster der Klarissen in San Damiano eine Hütte aus Binsen einrichten. Dort wollte er ganz allein sein. Eine tiefe Depression quält ihn. Und auch die Gottverlassenheit. Er kämpft mit seinem Gott. Dann erkennt er: Das Gefühl tiefer Gottverbundenheit ist eben nur ein Gefühl. Er hört auf, Erwartungen an Gott zu stellen. Er kann die innere Dunkelheit annehmen. Er spürt: Hier beginnt der nackte Glaube. Und so wird er ruhig.  
Johannes vom Kreuz, einer der großen spanischen Mystiker, nennt diese Erfahrung die "dunkle Nacht der Seele". Er beschreibt es etwa so: Gott ist die Sonne, nur tausendmal heller. Solange Menschen auf dieser Welt leben, können sie Gott gar nicht erkennen. Sie würden die Helligkeit nicht aushalten, sie würden geblendet und könnten nichts mehr sehen. Darum bleibt Gott dunkel, solange wir leben.  – Aber warum lässt Gott diese dunkle Nacht über uns kommen? Johannes vom Kreuz sagt: Diese Dunkelheit lässt uns ahnen, was wir zutiefst vermissen. Wörtlich schreibt er:
"Diese Nacht ist für die Sinne bitter und furchtbar, für den Geist ist sie entsetzlich. Doch letztlich ist sie eine gnadenvolle Einwirkung, durch welche die Seele von ihren gewohnheitsmäßigen Unvollkommenheiten geläutert werden soll. In dieser mystischen Erfahrung lehrt Gott die Seele und lenkt sie zur Vollkommenheit der Liebe."
Eine ganz ähnliche Erfahrung muss wohl Mutter Teresa von Kalkutta gemacht haben. Als nach ihrem Tod ihre Tagebücher geöffnet wurden, fanden sich Sätze wie dieser:

"Dunkelheit umgibt mich auf allen Seiten. Meine Seele leidet. Vielleicht gibt es gar keinen Gott. Ich spüre eine unendliche Sehnsucht, an ihn zu glauben. Aber wenn es keinen Gott gibt – Himmel, was für eine Leere!"

„Kein Anschluss unter dieser Nummer“ – Ist nicht schon der Versuch, anzurufen, eine Art Verbindung? Ist nicht schon das Spüren der Gottverlassenheit ein Gebet? „Dunkelheit umgibt mich von allen Seiten“, sagt Mutter Teresa. Das Gefühl der absoluten Verlassenheit bleibt ihr nicht erspart. Dann aber kommt da noch ein anderes Gefühl: „Ich spüre eine unendliche Sehnsucht, an ihn zu glauben.“

Im Psalm 77 finde ich die Not und Sehnsucht von Mutter Teresa wieder. Da heißt es:
Ich rufe zu Gott, ich schreie, ich rufe zu Gott, bis er mich hört. Am Tag meiner Not suche ich den Herrn; unablässig erhebe ich nachts meine Hände,  meine Seele lässt sich nicht trösten. Denke ich an Gott, muss ich seufzen;  sinne ich nach, dann will mein Geist verzagen. Du lässt mich nicht mehr schlafen; ich bin voll Unruhe und kann nicht reden.

Ich habe auch diesen Psalm in meine Sprache übersetzt:

Ich ruf am Morgen, schrei am Abend,  
ich klage in die dunkle Nacht,
die Augen sind vom Weinen trübe.
Warum hast du mich krank gemacht?

Vor Kummer kann ich nicht mehr schlafen,
die Ruhe hast du mir geraubt.
Und unablässig quält die Frage,
ob ich vergeblich dir geglaubt.

Sag: warum hast du dich verborgen,
warum machst du mein Herz so schwer?
Wirst du dich immer von mir wenden
und bleibt dein Himmel für mich leer?

„Kein Anschluss unter dieser Nummer.“ - Als moderner Mensch bin ich versucht, zu denken: Es macht keinen Sinn. Ich lege auf. Dabei gibt es gewiss andere Möglichkeiten. Vielleicht habe ich mich verwählt. Also nachschauen und nochmals versuchen. Vielleicht gibt es auch ganz andere Wege als die uns geläufigen, um mit Gott in Verbindung zu bleiben. Vielleicht ist Schweigen angesagt. Oder auf die Zeichen der Zeit hören, die Antwort Gottes in meinen Aufgaben verstehen.

Mutter Teresa hat für sich zwei Wege entdeckt, die ihren Glauben in der Dunkelheit ihrer Zweifel am Leben erhalten haben. Das eine war die Feier der Eucharistie. Das andere war die Begegnung mit Christus in den Gestalten der Armen. Sie schreibt in ihrem Tagebuch:

“In der Messe haben wir Jesus in der Gestalt von Brot, während dem wir in den Slums Christus in den gebrochenen Gestalten, in den verlassenen Kindern, sehen und berühren.“

Aber Vorsicht: Es gibt kein schnellen Heilmittel gegen die Gottverlassenheit. Ich schau noch einmal in die Psalmen.  Sie sparen kein Gefühl aus. Sie klagen und wettern. Sie zeichnen die Welt, so wie sie ist: Eine Welt von Segen und Fluch, von Freunden und Feinden, eine Welt, die Gärten kennt, aber auch Wüsten.

Die Psalmen erinnern mich daran, dass mein Glaube durch die Wüste gehen muss, um erwachsen zu werden. In den ersten christlichen Jahrhunderten sind viele Christinnen und Christen in die Ägyptische Wüste gegangen. Sie haben dort gelebt, allein oder in losen Gemeinschaften. Sie haben ihr Erfahrungen so beschrieben: Die Wüste ist der Ort, wo dir fast alles genommen wird, aber auch der Ort, wo du Gott am nächsten bist. Die Wüste erinnert sie vor allem an den Weg Jesu. Seine Erfahrungen in der Wüste waren ein tiefer Einschnitt. Der Evangelist Markus beschreibt diese Erfahrung in ganz kurzen Worten: Geführt vom Geist Gottes, versucht von Satan, begleitet von wilden Tieren und von Engeln. Wie widersprüchlich! Die Wüste ist für Jesus die größte Versuchung, vom einmal gewählten Weg abzuweichen. Macht, Reichtum und den Glanz der Welt zu wählen. Gott mit dem Teufel zu vertauschen. Und die Wüste ist der Beginn seiner Botschaft: Das Reich Gottes hat angefangen.

Neulich habe ich im Autoradio eine Sendung gehört, die mich überrascht hat. In der Judäischen Wüste hat ein Forscher vor Jahrzehnten eine wichtige Entdeckung gemacht. An einer Stelle wuchsen die Pflanzen schneller und größer als die anderen, obwohl überall gleich bewässert wurde. Er stellte fest: Unter der Erde verlief eine Leitung, die kleine Risse hatte. Ganz wenige Tropfen drangen aus dem Rohr, aber sie gelangten direkt an die Wurzeln. Aus seiner Entdeckung wurde die so genannte Tröpfchenmethode entwickelt. Sie ist inzwischen weltweit zu einer erfolgreichen Bewässerungsmethode geworden und hat sich zu einem Glücksfall gerade für die wasserarmen Regionen der Erde entwickelt.  Auch eine Wüste kann fruchtbar werden. Selbst im trockenen Sand schlummern Millionen Samenkörner und Keime und warten nur auf ein paar Tropfen Wasser. Ich glaube: Auch in meinen geistlichen Wüsten kann es so sein.

Die Psalmen erlauben mir, ja sie fordern mich auf, mit Gott zu streiten. Aber sie verstummen nicht. Sie bleiben mit Gott im Gespräch. Klagend und flehend wenden sie sich an ihn. Sie wollen keinen harmlosen Streichelgott, der niemandem weh tut. Sie protestieren und lehnen sich auf. Ich denke, das ist sehr ehrlich. Ich finde es jedenfalls ehrlicher als das schweigende Wohlverhalten, das manche frommen Gebete von heute zum Ausdruck bringen. Ich entdecke diese Ehrlichkeit zum Beispiel im  Psalm 130.  Hören Sie ihn in einer freien Übertragung und anschließend als Lied in der hebräischen Ursprache, komponiert und gesungen von Waltraud und Raimund Rennemann.

Wie lang noch bis zum Morgenrot?
Will denn die Nacht nicht enden?
Ich suche, wo du bist, mein Gott,
tastend mit wunden Händen.

Und meine Lippen klagen laut,
die Stimme ist schon heiser.
War‘s Täuschung, dass ich Gott vertraut?
Die Zuversicht wird leiser.

Dass deine Sonne scheint, sagst du,
für Gute und für Böse.
So wende dein Gesicht mir zu,
vom Unrecht mich erlöse.

Ist Treue nicht dein Name, Gott?
Darf ich nicht atmen, leben?
Hast du nichts Besseres als Tod?
Du wirst mir doch vergeben?

Dann werde ich mit Herz und Sinn
des Friedens Bote werden,
mit Geist und Händen mich bemühn,
um dein Reich, Gott, auf Erden.  

Ich werde leben, Gutes tun
und singen deinem Namen:
Die Erde ist dein Heiligtum
und dir die Ehre. Amen.

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