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Zeit wahrnehmen
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Zeit wahrnehmen

Gabriele Heppe-Knoche
Ein Beitrag von

Gabriele Heppe-Knoche,

Pfarrerin, Leitung Evangelisches Forum Kassel

Die Zeit rast nur so dahin. Das war in den letzten Jahren immer der Satz meiner Mutter zu Geburtstagen und sonstigen Anlässen, aber besonders zur Jahreswende. - Das ist ja ein eigenartiges Phänomen, wie unterschiedlich man in bestimmten Lebensphasen die Zeit empfindet. Kinder und Jugendliche finden die Zeit oft extrem lang. Warten auf Weihnachten, auf Geburtstage oder  Ferien. So lang sind die Tage und Wochen! Und alte Menschen, die oft nicht mehr viel tun können, die nicht mehr so mobil sind, empfinden die Zeit rasend schnell. Schon wieder ein Jahr vergangen. Der monatliche Arztbesuch, -man denkt, der letzte wäre erst gestern gewesen.

Psychologen sind diesem Phänomen in einer Studie nachgegangen. Sie haben herausge­funden, dass sich die Zeitwahrnehmung mit zunehmendem Alter beschleunigt. Das hängt damit zusammen, was wir von dem Erlebten in Erinnerung behalten. Im Leben bleiben die vielen ersten Male deutlich in Erinnerung: der erste Schultag, die erste Party, der erste Kuss, die erste Reise ohne Familie. Je älter man wird, umso weniger Neues erlebt man. Der Alltag ist durch Beruf und Familie strukturiert, vieles wiederholt sich täglich. Das bleibt in der  Erinnerung weniger haften. Die Zeit erscheint weniger gefüllt und im Nachhinein fühlt es sich so an, als sei die Zeit sehr schnell vergangen. Da bleibt nichts im Gedächtnis.

Jochen Klepper sagt es in seinem Lied zur Jahreswende (EG 64): „Da alles, was der Mensch beginnt, vor seinen Augen noch zerrinnt.“ Er beschreibt genau diese Erfahrung, dass das Leben immer weiter geht, immer schneller, und man sich fragt, was bleibt. Wie füllen wir Menschen unsere Zeit?  Was tun wir mit den Stunden und Tagen, die uns geschenkt sind?

Für Jochen Klepper ist klar: das, was Menschen planen, beginnen und durchführen, ist immer begrenzt. Vieles davon ist nur von kurzer Dauer. Wir verausgaben uns in den täglichen Aufgaben. Aber auch wenn von unseren Bemühungen manchmal nichts bleibt: Du aber bleibest, der du bist, in Jahren ohne Ende.- Auch wenn wir mit leeren Händen dastehen, da strömt Gnade in unsre leeren Hände. Da ist Hoffnung, dass das, was wir tun und lassen, nicht einfach umsonst war. Es kann sich in Segen verwandeln.

Sie haben mir damals einen Brief geschrieben. Der liegt immer noch in meiner Schreibtischschublade, sagt die Kollegin zu mir. Wir haben über eine für sie schwierige Zeit gesprochen. Ich kann mich an den Brief beim besten Willen nicht erinnern. Aber bei ihr hat er einen Platz im Gedächtnis bekommen. In Segen verwandelt. Ein Punkt in der Zeit, der bleibt.

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