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Was uns aufrichtet
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Was uns aufrichtet

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von

Carmen Jelinek,

Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen
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In letzter Zeit fällt Anna auf, dass viele Mitmenschen den Kopf gesenkt halten. 
Anna denkt: Das kann doch nicht gesund sein, wenn so viele Menschen mit gesenktem Haupt herumlaufen. Ein aufrechter Gang tut doch gut. Ich nehme viel mehr wahr.

Sie denkt an die gekrümmte Frau aus der Bibel. Von ihr erzählt der Evangelist Lukas im Neuen Testament (LK 13,10-17). Ihr Name wird nicht erwähnt. Auch nicht, warum sie sich so gebeugt fortbewegt. Vielleicht war es zuerst der gesenkte Kopf, und mit der Zeit krümmte sich der Rücken. Irgendetwas hat sie bedrückt.

Das soll nicht so bleiben oder gar weitergehen. Ich vermute, Jesus denkt sich das. Deshalb spricht er sie an und berührt sie. Schon seltsam, dass ein Mensch es wagt, einen anderen Menschen anzusprechen und zu berühren. Jesus tut das, weil er möchte, dass es dieser Frau besser geht. So stelle ich es mir vor. Ein kleiner Moment. Die Frau ist überrascht. Sie schaut hoch. Sie richtet sich allmählich auf. Die einmalige Berührung bewirkt viel. Der Anfang ist gemacht, der Anstoß gegeben: Sie will und kann wieder aufrecht gehen. Sie ist geheilt durch eine Berührung.

Das ist für Anna ein Anstoß. Natürlich kann sie nicht Menschen so wie Jesus heilen. Aber sie kann auf ihre Weise Menschen aufrichten. Durch gute Worte zum Beispiel. Anna nimmt sich vor: "Ich will Positives bei den Menschen um mich herum entdecken." Oft sind es Kleinigkeiten. Zum Beispiel am Obststand beim Markt, als sie die Marktfrau mit ihrer wettergegerbten Haut und den abgearbeiteten Händen sieht. Ihr Blick fällt gleichzeitig auf die Äpfel und sie sagt: „Schön sehen die aus und gespritzt sind sie auch nicht. Das ist gut. Ich nehme ein Kilo davon und dann gern auch noch von dem frischen Spinat, der sieht so lecker aus. Ich habe da ein neues Rezept für Spinat, ich freue mich, es gleich heute Mittag auszuprobieren.“ Sie staunt nicht schlecht, als die Marktfrau lächelt und sich aufrichtet. Diese spürt, dass ihre schwere Arbeit wertgeschätzt wird. Das tut ihr gut. Sogleich legt sie noch eine Kostprobe vom frischen Mangold bei.

Auch Anna erlebt Berührendes. Als sie am Marktstand nach Kleingeld kramt, merkt sie, wie es jemand hinter ihr eilig hat und etwas genervt ist. Da sagt sie mit einem Lächeln: „Im Alter wird man immer langsamer, mit den Händen und auch zu Fuß.“ Da meint die Marktfrau: „Wer langsam geht, nimmt mehr wahr!“ Da hat sie recht und dieser Satz tut Anna gut. Bestärkt macht sie sich auf den Heimweg.

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