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Vorgeschmack aufs himmlische Jerusalem

Vorgeschmack aufs himmlische Jerusalem

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Pastoralreferentin im Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität, Frankfurt
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Wenn Besucher den Frankfurter Kaiserdom betreten, dann fällt ihnen die warme Atmosphäre dort auf, vor allem bei gutem Wetter oder wenn die Leuchter und Lampen brennen. Das liegt sicher an der überschaubaren Größe des Doms, aber auch an dem warmen Rot seiner Wände. Touristen fragen dann oft, aus welchem Stein die Kirche gebaut sei. Der Frankfurter Dom ist aus rotem Sandstein gebaut, so wie früher fast alle wichtigen und prächtigen Häuser der Stadt, einfach weil sich der rote Mainsandstein aus den Miltenberger Steinbrüchen gut auf Schiffen den Main abwärts nach Frankfurt transportieren ließ.

Beim genaueren Hinsehen erkennt man aber: Die Wände sind auch noch rot bemalt und die Fugen sind sehr gleichmäßig mit weißer Farbe auf die Mauern aufgemalt – selbst wenn die Steine darunter unterschiedlich groß sind. Wieso dieser Aufwand, nur weil es schöner ausschaut? 

Nein, es gibt auch eine religiöse Bedeutung: die schönen Kirchenmauern sollten in alter Zeit an das himmlische Jerusalem erinnern, so nannten die Menschen das, auf das sie hofften, das Paradies, das Reich Gottes, das kommen sollte. Jerusalem, das war in den biblischen Schriften die verheißungsvolle wunderbare Stadt mit dem prachtvollen Tempel. Und so und noch schöner stellten sich die Menschen das neue, das himmlische Jerusalem vor. Die schönen, wunderbar gleichmäßigen Dommauern wollten sozusagen einen verheißungsvollen Vorgeschmack geben auf die himmlische Ewigkeit - aller menschlichen Unordnung und Not, die die Menschen damals erlebten, zum Trotz -.

In manchen alten Hymnen und Texten begegnet es uns noch, das himmlische Jerusalem  – und irritiert uns heute:

Schließlich steht die heutige moderne Stadt Jerusalem, neben all ihrer Schönheit und ihrer großen Bedeutung für Juden, Christen und Muslime auch für die gewaltigen und gewalttätigen Konflikte der ganzen Region. Eine hart umkämpfte Stadt, Anspannung und bewaffnete Soldaten an jeder Ecke.

Historisch gesehen war das auch in gotischer Zeit, als man die Wände und Pfeiler des Doms verzierte, nicht viel anders. Noch lebendig waren die Erzählungen von den furchtbaren Kreuzzügen mit den vielen Toten und Verletzten, zu denen auch in Frankfurt aufgerufen wurde. Und Konflikte und Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung, das gab es auch im alten Frankfurt.

Ob die Menschen das mit dem himmlischen Jerusalem in Verbindung brachten damals? Ich weiß es nicht.

Dass den Menschen damals warm und feierlich ums Herz wurde in der mit Kerzen erleuchteten Kirche, dass sie sich sehnten nach einer Welt, in der all das Krumme, Hässliche, Dreckige und Beschwerliche irgendwann überwunden ist, und dass dabei auch das warme Rot mit den klaren weißen Fugen hilfreich und wohltuend war, das kann ich gut glauben.

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