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Überfluss und Bescheidenheit
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Überfluss und Bescheidenheit

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von

Dr. Ulf Häbel,

Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen
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Du kannst niemals alle mit deinem Tun begeistern. Selbst wenn du übers Wasser laufen kannst, kommt jemand, der fragt, ob du zu blöd bist zum Schwimmen. Diesen Spruch hat mir eine Frau aus unserem Dorf gegeben. Sie hat ihn aus dem Internet. Das würde zu mir passen, hat sie gemeint. Der Satz gefällt mir. Er hängt seitdem an der Wand über meinem Schreibtisch.

Inzwischen weiß ich, warum diese Frau mir den Spruch geschenkt hat. Sie hat miterlebt, dass wir in unserem Dorf, in dem es seit zwanzig Jahren keinen Lebensmittelladen mehr gibt, einen neuen eröffnet haben. Der liegt mitten im Dorf und ist barrierefrei, so dass auch Menschen mit Rollator oder Rollstuhl dort einkaufen können. Es gibt eine Café-Ecke, in der man sich treffen und plaudern kann. Kinder kaufen in dem Dorfladen für die Mutter oder die Oma ein oder von ihrem Taschengeld für sich selbst Chips oder Eis, Lakritz oder Kaugummi.

Ich habe gedacht: So ein Dorfladen muss doch alle begeistern. Aber da gibt’s auch Kritik. Die Auswahl der Waren sei zu klein. Wir haben nur 1400 Artikel im Angebot; die Supermärkte haben hundertmal so viel. Aber reichen nicht sieben Sorten Kaffee, müssen es vierzig sein?

Dann kam eine Kundin, die wollte einen fettarmen, Laktose freien, lang haltbaren Biojoghurt. Der war gerade nicht vorrätig. Sie schimpfte: „Der Laden hat nichts, was ich will.“

In der Überflussgesellschaft, in der wir leben, muss alles immer und im Übermaß da sein. In unserem kleinen Dorfladen geht das nicht. Aber ich bin überzeugt: Diese Maßlosigkeit, immer alles überall und sofort haben zu wollen, die macht uns kaputt. Ich finde, Bescheidenheit tut gut. Ich nehme, was da ist, und mache daraus ein gutes Essen. Ich arrangiere mich mit den Möglichkeiten, die ich habe. Mich macht das glücklicher.

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