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Toni Sender – 100 Jahre Frauenwahlrecht
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Toni Sender – 100 Jahre Frauenwahlrecht

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von

Anne-Katrin Helms,

Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad
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„Auf uns kommt es (…) an. Ihr Frauen und Mädchen habt den Mut zum Neuen, habt den Mut zum Glück." Diese Aufforderung schreibt Toni Sender den Frauen ins Herz, die vor 100 Jahren zum ersten Mal wählen gehen dürfen. 

Toni Sender wird 1888 in Biebrich am Rhein geboren. Schon früh zeigt sie, dass sie auch als Frau unabhängig vom Mann sein kann: mit 13 Jahren verlässt sie das jü-disch-orthodoxe Elternhaus und geht allein nach Frankfurt. Eine echte Rebellion. Dort besucht sie die Schule und arbeitet, hört literarische und politische Vorträge und nimmt an Demonstrationen für das allgemeine Wahlrecht teil. Sie will die wirtschaftlich abhängigen Ehefrauen dazu zu bringen, sich von ihrer politischen und sozialen Diskriminierung zu befreien. Sie ist fest davon überzeugt: Nur mit den Frauen können tiefgreifende soziale Umwälzungen bewirkt werden. 
Als der 1914 der Krieg beginnt, ist sie eine der lautesten Stimmen, die sich für den Frieden einsetzen. Am liebsten hätte sie mit Hilfe der Frauen eine große Kriegsopposition gegründet. Aber das gelingt ihr nicht.
Als nach dem Krieg am 12. November 1918 der Rat der Volksbeauftragten allen Bürgerinnen und Bürgern ab 21 Jahren das aktive und passive Wahlrecht erteilt, ist der Weg frei zum Frauenwahlrecht. 
Toni Sender wird ein paar Monate danach als Abgeordnete in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung gewählt. Später geht sie in den Reichstag, wo sie bis 1933 arbeitet.
Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft muss sie Deutschland verlassen. Sie flieht 1935 ins amerikanische Exil. Bis zu ihrem Lebensende 1964 appelliert sie an die Frauen, sich so zu engagieren wie die Frauen der Generation, die „mit unerschrockenem Mut für das Wahlrecht gekämpft“ hatten.

„Auf uns kommt es darum an. Ihr Frauen und Mädchen habt den Mut zum Neuen, habt den Mut zum Glück." 
Für mich ist das Frauenwahlrecht eine Selbstverständlichkeit. Vor 100 Jahren haben es engagierte Frauen erkämpft. Sie haben den Mut nicht aufgegeben, dass auch ihnen irgendwann Gerechtigkeit widerfährt. Sie haben Netzwerke geschaffen, um sich einzubringen und etwas zu verändern.
Toni Sender und die anderen engagierten Frauen von damals machen mir heute Mut. Sie erinnern mich an ein Wort des Apostels Paulus. Er spricht davon, dass alle Menschen im Glauben an Jesus Christus frei sind und gleichberechtigt. Er sagt: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Gal 3,28) 

Frauen haben heute in Deutschland die gleichen Rechte wie Männer. Aber wir wissen auch, dass nicht immer alle Rechte gleichberechtigt umgesetzt werden. Deswe-gen ist jede und jeder aufgerufen, sich für die zu emgagieren, denen ihr Recht ver-weigert wird. 
Von Toni Sender habe ich gelernt: „Freiheit gibt es nur so lange, wie wir uns in jeder Stunde dafür einsetzen.“ 

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