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Sei frei, immer
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Sei frei, immer

Dr. Annegreth Schilling
Ein Beitrag von

Dr. Annegreth Schilling,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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In einem meiner Lieblingsparks in Frankfurt steht eine große Bronze-Skulptur. Ich komme regelmäßig an ihr vorbei, wenn ich im Günthersburgpark joggen gehe oder auf dem Fahrrad durch den Park radle. Die Skulptur stellt einen Mann dar: Aufrecht steht er da, entschlossen blickt er ins Weite. In seinen Händen hält er Körner, bereit, sie jederzeit auszustreuen. Ein Sämann. Einer, der Samen aussät und hofft, dass sie aufgehen. Der belgische Künstler Constantin Meunier schuf diese Skulptur 1890. Er hat keinen Kaiser oder König oder Soldaten auf den Sockel gehoben. Er hat einen Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts für alle sichtbar gemacht, als Sinnbild eines arbeitenden Menschen.

Irgendwann später haben Leute angefangen, die Skulptur im Park mit einem Spruch zu ergänzen. Unbekannte sprühten auf den schwarzen Sockel unter der Skulptur die Parole: „Sei frei, immer“. Natürlich ist das Sachbeschädigung, deshalb wird die Parole öfters vom Grünflächenamt beseitigt. Doch es dauert nie sehr lange, bis der Satz wieder zu lesen ist: Sei frei, immer. Nicht immer in gleicher Handschrift, auch nicht immer in derselben Farbe. Mal weiß, mal lila, mal mit einem Ausrufezeichen versehen, mal mit drei Pünktchen am Schluss, wie zum Weiterdenken. Doch auch ohne diese Worte spricht die Aufforderung aus dem Sämann selbst: Sei frei, immer!
Ich kann sie in der selbstbewussten Haltung des Arbeiters sehen. Dieser Arbeiter aus dem 19. Jahrhundert hatte es weiß Gott schwerer als ich heute. Er kannte keine 40-Stunden-Woche. Er bekam nur wenig Lohn für seine Arbeit. Er hatte kaum Rechte. Sei frei, immer.

Wenn in der Bibel von Freiheit gesprochen wird, dann gilt sie ohne Wenn und Aber. Und: sie ist geschenkte Freiheit. Keine Freiheit, die ich mir selbst erarbeite, sondern eine Freiheit, die mir wie ein kleines Samenkorn anvertraut ist.

Ich denke daran, wie selten ich mir meiner inneren und äußeren Freiheit bewusst bin. Und wie gut es tut, mich im Alltag daran zu erinnern. Dass ich in einem Land leben darf, wo ich frei meine Meinung äußern darf. Dass Frauen und Männer frei ihren Beruf wählen können. Dass ich mich frei in der Welt bewegen kann.
Natürlich gibt es genügend Momente, auch in meinem Leben, wo ich den Eindruck habe, dass ich unfrei bin. So ist die Frage des Wohnorts gerade für Familien und Leute mit wenig Einkommen oft keine freie Entscheidung, sondern eine Frage des Geldbeutels.

Ich blicke auf den Sämann. Er geht zielstrebig seiner Aufgabe nach und sät den Samen aus. Lässt sich nicht beirren vom Wetter und auch nicht von den politischen Umständen. Er sät den Samen der Freiheit. Dieser Samen fällt in die Erde wie ein kleines Senfkorn. Und es wächst und wird größer, bis endlich ein Baum daraus entsteht.

Ich sehe die vielen Körner, die der Sämann in der Hand hält. Und ich überlege, welche Samen mir in die Hand gelegt sind, die ich heute ausstreuen kann.

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