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Nächstenliebe unter Druck
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Nächstenliebe unter Druck

Dr. Joachim Schmidt
Ein Beitrag von

Dr. Joachim Schmidt,

Evangelischer Pfarrer, Darmstadt

Florence Nightingale. Sie wurde am 12. Mai 1820 in einer wohlhabenden britischen Familie geboren. Die Tochter aus gutem Hause hätte in den besseren Kreisen Großbritanniens ein bequemes Leben ohne Geldsorgen führen können, aber Florence Nightingale wollte nicht. Gegen den energischen Widerstand ihrer Familie beschäftigte sie sich schon in jungen Jahren mit den katastrophalen Verhältnissen in der Krankenpflege. Sie wurde eine Pionierin des modernen Sanitäts- und Pflegewesens. In Erinnerung an diese außergewöhnliche Frau wird seit 1965 an ihrem Geburtstag international der Tag der Krankenpflege begangen. Zu Recht, wie ich finde.

Natürlich hat sich seit der Zeit von Florence Nightingale in Medizin und Pflegewesen viel verändert. Kein Alter oder Kranker muss bei uns mehr auf einem fauligen Strohsack liegen. Und doch: Wer heute zu Besuch ins Krankenhaus oder ein Altenpflegeheim kommt, spürt den enormen Druck, unter dem die Pflegekräfte arbeiten müssen. Nach neueren Statistiken kümmert sich bei uns eine Pflegerin oder ein Pfleger um 13 Patienten, in der Schweiz und in Schweden knapp acht. Nachts ist in deutschen Einrichtungen eine Pflegekraft sogar für 26 Patienten zuständig. Verglichen mit Büro-Jobs ist ihre Bezahlung schlecht. Das Wort vom Pflegenotstand geht um.

Am Anfang der Geschichte von Hilfe und Pflege im Christentum steht das bekannte Wort Jesu: „Liebe Gott – und Deinen Nächsten wie dich selbst!“ Auf die Frage, wer denn bitte dieser Nächste sei, erzählte Jesus die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, einem verhassten Außenseiter in der damaligen Gesellschaft. Als einziger war dieser bereit, dem übel zugerichteten Opfer eines Raubüberfalls zu helfen. Vorher waren mehrere Vertreter der so genannten besseren Kreise achtlos vorbeigegangen. Sie übersahen geflissentlich, dass der arme, am Boden liegende und geschundene Kerl eigentlich ihr Nächster war.

Liebe Gott und dann deinen Nächsten wie dich selbst. Für mich hat Jesus damals das christliche Grundgesetz der Menschenwürde formuliert. Es ist die geistige Grundlage großer Hilfsorganisationen wie Diakonie, Caritas und anderer. Ob allerdings unser heutiges deutsches Pflegesystem mit seinem gewaltigen Kostendruck und der chronischen Überlastung der dort Arbeitenden dem großen Ideal der Nächstenliebe auch nur annähernd entspricht, das darf man getrost bezweifeln. Denn Zeit für menschliche Zuwendung bleibt den Pflegenden unter dem Diktat von Minutenzeigern und Fallpauschalen nur selten.

Was dennoch viele Pflegekräfte an Engagement und Freundlichkeit Tag für Tag leisten, das verdient höchste Anerkennung und den Dank von uns allen. Auch daran erinnert der heutige Internationale Tag der Krankenpflege. Mehr als zweieinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind heute auf Pflege angewiesen, in zehn Jahren, so schätzt man, wird es wegen der Überalterung der Gesellschaft schon eine Million mehr sein.

Liebe Gott und dann deinen Nächsten wie dich selbst. Auch im schieren Eigeninteresse wird es höchste Zeit, sich mit den Verhältnissen in der Pflege zu beschäftigen und die Politik zu deutlichen Verbesserungen zu drängen. Denn Sie und ich und jeder wird darauf hoffen, im Fall des Falles menschenwürdig und nicht nur nach Minutenprotokoll versorgt zu werden. Es wäre auch im Sinne von Florence Nightingale.

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