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Muttertrost
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Muttertrost

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt
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Vor einiger Zeit fand ich in einem Buch zufällig einen alten Brief meiner Mutter wieder. Sie hat ihn mir in meiner Studienzeit geschrieben. Damals war ich im Ausland. Jetzt las ich ihn wieder. Sie erzählte von Neuigkeiten meiner Geschwister, Entwicklungen in der Großfamilie, Veränderungen meiner Heimatstadt. Sie kommentierte und fügte eigene Gedanken dazu. Während ich las, stellte ich sie mir an ihrem Schreibtisch vor. Sie füllte mit ihrer klaren Schrift sorgfältig Seite um Seite.

Ich habe heute längst viele Einzelheiten aus dieser Zeit vergessen, und ich konnte manche ihrer Themen nicht mehr einordnen. Aber ich habe in diesem Brief ihren Wunsch gespürt, richtige und gute Worte für mich zu finden, mich mitzunehmen in das, was sie gerade dachte und fühlte. Ja, einfach ihre große Liebe zu mir.

Meine Mutter ist vor einigen Jahren gestorben. Sie ist mir auch heute noch nah in ihren Briefen, in den Büchern, die sie für mich ausgesucht hat und in vielen anderen Erinnerungen. Da kann ich sie spüren. Wie als Kind fühle mich plötzlich geborgen und umsorgt.

Die Erinnerung an meine Mutter begleitet mich. Immer wieder ist sie in meinem Gedanken plötzlich da. Andere sagen mir, dass es ihnen ähnlich geht. Ich bin froh, dass es gute Erinnerungen sind. Nicht jede kann das von ihrer Mutter sagen. Manchmal denke ich einfach: Was hätte meine Mutter jetzt dazu gesagt? Oder ich teile ihr einen kleinen Erfolg mit. Und manchmal lasse ich mich auch von ihr trösten. Sie sagt „Alles wird gut!“ –  So hat sie es mir als Kind immer gesagt, wenn ich weinte. Alles wird gut! Dieser Satz hat mich beruhigt. Ich selbst fühlte mich klein und schwach, aber ich war überzeugt, meine Mutter kann das wieder in Ordnung bringen. Und ich wusste, sie sagt das nicht nur, sie kümmert sich auch darum. Ich gab meinen Kummer in ihre Hand. Dann hörte ich auf zu weinen.

In der Bibel wird Gott mit einer Mutter verglichen. Gott sagt: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Der Prophet Jesaja überliefert dieses Gotteswort im Alten Testament. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch wird mit dem Bild von Mutter und Kind verglichen. Wie eine Mutter hält Gott mein Leben in der Hand. Ich kann die ungelösten Fragen meines Lebens dieser Hand anvertrauen. Gott sorgt sich, dass alles gut wird. So sagt es die Bibel. 

Wenn ich Menschen in der letzten Lebensphase begleite, erlebe ich oft, dass sie wieder ganz in ihrer Kindheit leben, ja, eigentlich wieder zu Kindern werden. Ihre Gestaltungsspielräume werden kleiner. Sie müssen sich darauf verlassen, dass andere für sie sorgen. In den Gedanken an ihre Mutter spüren sie Geborgenheit und vielleicht auch Gottes Nähe. Alles wird gut!

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